Limbach-Oberfrohna
tschechische Version
Beginn der Navigation
Navigation überspringen
Ende der Navigation
Beginn des Hauptinhaltes
Hauptinhalt überspringen

Unsere Heimatgeschichte

Eine Seite zurück  Zur Startseite  E-Mail  Zu den Favoriten hinzufügen Zur Anmeldung
Hier finden Sie verschiedene Artikel zur Heimatgeschichte - von verschiedenen Limbach-Oberfrohnaer Autoren. Die Beiträge wurden zudem seit Sommer 2015 im "Stadtspiegel" veröffentlicht.
 

Das "Bräustüb’l" an der Peniger Straße
Dr. H. Schnurrbusch - aus dem Heft „Vergangenes“ © 2015

Das kleine Fachwerkhäuschen stand an der Peniger Straße 3 und soll um 1785 vom Rittergut Limbach - also unter Helena Dorothea von Schönberg - erbaut worden sein. Ein genauer Nachweis für diese Angabe in einer Anzeige von 1952 findet sich nicht, aber Aussehen und Baustil des Gebäudes sprechen dafür. Im Plan der Rittergutsliegenschaften von 1785, den der Geometer Krause aus Glauchau im Auftrage der Gutsherrin angefertigt hat, ist das Gebäude noch nicht eingezeichnet.
Belegt ist, dass ein späterer Rittergutsbesitzer, nämlich Freiherr Otto von Welck, den „Kellerberg“ zur Bebauung erschließen ließ. Der Name „Kellerberg“ kommt von den in den Felsen eingehauenen Kellerräumen und Gängen, die auf Georg I. von Schönberg zurückgehen sollen, der sie nach Meinung von Paul Fritzsching um 1571 im Berg anlegen ließ. Für die Anhöhe, auf der heute der Ludwigsplatz liegt, war eine Zeitlang wegen des Hopfenanbaus auch der Name „Hopfenberg“ gebräuchlich, im Volksmund „Hoppberg“.
Am Fuße des Kellerbergs auf der Kellerwiese ließ Welck 1855 eine „Bairische Brauerei“ errichten, die später nach einem anderen Besitzer „Eyssens Dampfbrauerei“ hieß, noch später im Gegensatz zur „Stadtbrauerei“ am Markt 5 als „Bürgerliches Brauhaus“ firmierte. Die Brauerei versorgte die Limbacher mit Bier, das auf bayerische Weise gebraut war und auch mit Bier nach Pilsener Machart. In der Brauerei konnte der Hopfen vom Kellerberg gleich ohne große Transportwege verwendet werden und die Keller als Bierlager.
Das Häuschen Peniger Straße 3 wurde so zur ersten Ausschankstätte der nebenan gelegenen Brauerei und erhielt wegen des Biers den Namen „Bavaria“. Als später eine zweite Gaststätte gleichen Namens an der Anna-Esche-Straße 3 eingerichtet wurde, bürgerte sich der Name „Alte Bavaria“ als Unterscheidung zu der „Neuen Bavaria“ ein. Nachdem die Brauerei eingegangen war, stand auch die „Bavaria“ einige Zeit leer.
Der Gastwirt Theodor Trölltsch, ein früherer Braumeister, eröffnete die Gaststätte am 12. Dezember 1928 wieder und gab ihr den neuen Namen „Bräustüb’l“. Unter dem Haus lag der Eingang zu den Kellerräumen, die sich hinter dem heutigen Apollokino im Berg befinden. Der rührige Gastwirt richtete in diesen Kellern einen Schießstand ein, der am 9. Februar 1931 eingeweiht wurde und den „nationalen Vereinen“ der Stadt zur Verfügung stand. Von 1939 an dienten die Keller dann als öffentlicher Luftschutzraum.
Trölltsch schenkte im „Bräustübl“ bis 1946 Bier aus, dann ruhte der Betrieb und wurde erst am 31. Januar 1952 wieder aufgenommen. Nach einigen Jahren stellte man die Bewirtschaftung ein. Die Gastzimmer dienten dann noch der Steuerberaterin K. Lindner als Gewerberäume. Leider verfiel das Häuschen mit dem romantischen Aussehen immer mehr, so dass es nicht mehr erhalten werden konnte. Die Abrissverfügung des Bauamtes datiert vom 30. November 1992, der Abbruch war am 26. August 1994 beendet. Schade drum.

veröffentlicht am 01. Februar 2018 im Stadtspiegel

 
 

Willy Böhme (1875 -1932) – 24 Jahre Bürgermeister von Oberfrohna
Aus Dr. H. Schnurrbusch: Personen und Persönlichkeiten © 2006

Willy Böhme war von 1908 bis 1932 erst Gemeindevorstand, dann Bürgermeister in Oberfrohna. Er wurde am 28. August 1875 in Sebnitz geboren worden und hatte von Jugend an den Wunsch, Gemeindebeamter zu werden. Seine Laufbahn begann beim Stadtrat Sebnitz, dann wurde er Beamter in den Städten Freiberg, Annaberg und Ronneburg. 1901 wählte ihn der Ort Sehma zum Vorstand und 1908 die Gemeinde Oberfrohna. Das Dorf Oberfrohna hatte damals etwa 5.000 Einwohner. Sicher hat der junge Gemeindevorstand - er konnte sich ab 1924 Bürgermeister nennen - die gesellschaftlichen und kommunalpolitischen Umstände bald richtig erkannt und die Interessen des Ortes mit denen der Bürger, der Wirtschaft und der Politik erfolgreich verbunden, denn unter allen benachbarten Dörfern konnte sich als einziges nur Oberfrohna im 20. Jahrhundert zur Stadt entwickeln. Die Gemeinde Oberfrohna hatte 1908 schon eine gewaltige Wandlung vom kleinen, landwirtschaftlich geprägten Dorf mit Kleinhandwerk und Strumpfwirkerei zum Industrieort mit bedeutender Fabrikation von Stoffhandschuhen durchlaufen. Schon 1889 gab es in Oberfrohna 35 Handschuhfabriken und -großhandlungen. 6 Appreturen, 4 Färbereien und 4 Kartonagenfabriken. Über 75 Prozent der Textilprodukte wurde exportiert, mehr als ein Drittel in die USA. Bedeutende Firmen wie Heinrich Rätzer, Hermann Grobe oder Herrmann Dittrich schafften Arbeitsplätze und Verdienst. 1913 wurden in Oberfrohna mit 5.816 Einwohnern 2.824 Arbeitsplätze gezählt, an denen 1.743 Männer und 1.081 Frauen beschäftigt waren. Es herrschte Vollbeschäftigung, und viele kamen aus den umliegenden Dörfern nach Oberfrohna auf Arbeit. Mit dem Bestreben, sich von Limbach unabhängiger zu machen, durchlief das Dorf Oberfrohna den Prozess der Verstädterung und Industrialisierung vom Industriedorf zur Kleinstadt. Nach 1836 schuf sich die Gemeinde eine eigene Schule, eine Kirche, einen Friedhof. Vorher mussten die Oberfrohnaer diese Einrichtungen in Limbach nutzen. Es entstanden das Postamt, ein Gaswerk und die zentrale Wasserversorgung. Oberfrohna bekam eine Apotheke, ein Elektrizitätswerk und 1904 sogar ein Schwimmbad an der Neuen Straße. Die Bevölkerungszahlen hatten sich sprunghaft entwickelt. Im Jahre 1834 gab es in Oberfrohna 82 Häuser mit 642 Bewohnern, die Einwohnerzahl stieg 1882 auf 2.398, 1910 auf 5.269. Der Ort wuchs, gedieh und wurde im Vergleich mit Mittel- und Niederfrohna in der Presse als „die blühendste der drei Frohnen“ bezeichnet.
In dieser Zeit des Aufschwunges und Wirtschaftswachstums nahm Willy Böhme seine Tätigkeit auf und half dem Ort zu weiterem Fortschritt. Er bemühte sich zuerst um die Stärkung der kommunalen Interessen. Elektrizitätswerk, Gas- und Wasserwerk wurden errichtet oder erweitert, so dass Oberfrohna seine Nachbargemeinden von Rußdorf, Bräunsdorf, Niederfrohna bis Kaufungen mit versorgen konnte. Die Eisenbahnanbindung mit der Strecke Limbach-Oberfrohna im Jahre 1913 stellte einen besonderen Erfolg dar, der die langen und schwierigen Bemühungen Böhmes und anderer belohnte. Leider gelang es nicht, diese Strecke in Richtung Leipzig weiter zu führen. Alle diese Bemühungen machte der I. Weltkrieg zunichte. Danach gewann die Straße mehr an Bedeutung vor der Schiene. Sein Gemeinwesen brachte Böhme voran durch den Bau der Feuerwache 1927, die Einrichtung einer Volksküche (1930) oder der Erholungsstätte für Kinder im Gemeindewald (1923). Oberfrohna vergrößerte seine Schule durch Erweiterungsbauten 1909 und 1927, erhielt ein Rathaus (1924) an der Limbacher Straße (jetzt Straße des Friedens 100). Das "Jahnhaus" als Vereins- und Sportzentrum wurde 1929 eingeweiht. Diese Vorhaben konnten dem geachteten Bürgermeister nur mit Hilfe der örtlichen Industrie und einer solidarischen Bürgergemeinschaft gelingen. Ein anderes gesellschaftliches Zentrum des Ortes war das Hotel "Rautenkranz". Dort trafen sich die Vereine, es fanden Bälle und Feierlichkeiten statt, auch die Ankunft der ersten Eisenbahn wurde dort 1913 gefeiert.
Die Oberfrohnaer identifizierten sich mit ihrer Gemeinde und waren bereit, zum Gemeinwohl in ihrem Ort beizutragen. Sie waren stolz auf die Entwicklung ihres Ortes, der in vieler Hinsicht ein eigenes gesellschaftliches, politisches, besonders auch kulturelles Klima entfaltete und sich so von Limbach abhob. Oberfrohna wurde zu einer der bedeutendsten Landgemeinden in Sachsen. 1921 führte der Ort bei 600 Millionen Mark Umsatz allein 3 Millionen Umsatzsteuer an den Fiskus ab. Die Einwohner waren mit ihrem Bürgermeister zufrieden, sie wählten ihn wieder, schließlich auf Lebenszeit. Eine Mehrheit im Gemeinderat aus der Bürgerlichen Fraktion und SPD setzte sich gegen die KPD-Meinung durch, die lieber einen Kommunisten als Bürgermeister gehabt hätte. In Oberfrohna kam eher zwischen den Bürgerlichen und Sozialdemokraten Einvernehmen in kommunalen Fragen zustande, als zwischen SPD und KPD.
Böhme linderte die Wohnungsnot, indem er persönlich die Wohnungsgenossenschaften „Gartenstadt“ und „Bau- und Sparverein“ gründete, die Wohnhäuser an der Nord-, Hain- und Mittelstraße erbauten. Außerdem ließ er kommunale Wohnungsbauten u.a. an der Feldstraße (heute Industriestraße) errichten und den Frohnbach teilweise überwölben. Rege Bautätigkeit zeigte das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum an. Neue Häuser der Baugenossenschaft „Eigenheim“ entstanden an der Karl-Marx-Straße (später Horst-Wessel-Straße, Am Jahnhaus) und am Siedlerweg (heute Siedlerstraße). Nach guten Zeiten forderte der I. Weltkrieg 216 Todesopfer in Oberfrohna. Danach kamen Kapp-Putsch und 1923 die Besetzung Oberfrohnas durch die Schwarze Reichswehr, die im Namen der „Reichsexekution“ Gewalt und Terror verbreitete. Die Inflation brachte Hunger und Elend, es folgten die politisch schwierigen Zeiten der Weimarer Republik. Über 24 Jahre war der Bürgermeister Böhme auch unter problematischen Bedingungen erfolgreich tätig, vermittelte unter eskalierenden Parteikämpfen und konnte den Gemeinderat mit KPD, SPD und Bürgerlicher Fraktion zu konstruktiven Lösungen bewegen.
Nach 1928 verschlechterte sich die Gesundheit des Bürgermeisters durch eine Zuckerkrankheit. Er wohnte zu der Zeit mit seiner Frau Frida und vier Kindern im Haus Bahnhofstraße 6. Sein behandelnder Arzt Dr. med. Wilhelm Hintze (Hauptstraße) konnte den Gesundheitszustand seines Patienten aber wohl einigermaßen stabilisieren.
An den Folgen eines Unfalles ist Willy Böhme am 27. Februar 1932 verstorben. Die Beerdigung fand unter sehr großer Teilnahme der Bevölkerung statt, die den Tod ihres Bürgermeisters als bedeutenden Verlust empfunden hat. Im Nachruf stand, er habe es verstanden, auch in politisch schwierigen Zeiten auf seinem schweren Posten zum Wohle der Gemeinde über den Parteien zu stehen. „Sein besonnenes und ruhiges Wesen war immer Mittler, wenn es galt Gegensätze zu überbrücken und dadurch das Allgemeinwohl zu wahren.“ Sein Grab war noch bis 1998 auf dem Oberfrohnaer Friedhof zu sehen. Die Erhaltung seines Grabsteines war mit dem Kirchenvorstand leider nicht zu verwirklichen. Die integre und kompetente Persönlichkeit von Willy Böhme hat wesentlich zur Entwicklung Oberfrohnas beigetragen. Leider hat Böhme nicht mehr erlebt, dass Oberfrohna 1935 vom Dorf zur Stadt wurde. Er hat es verdient, den Oberfrohnaern in Erinnerung zu bleiben. Im Jahre 2004 wurde die frühere Bahnhofstraße nach ihm benannt.

veröffentlicht am 03. August 2017 im Stadtspiegel

 
 

Die dicke Rußdorfer Fichte
Friedemann Maisch

Die dicke Rußdorfer Fichte befand sich bis 1919 neben weiteren starken Fichten im Rußdorfer Holz, einem ausgedehnten Bauernwald, der sich von Meinsdorf bis zum Großen Teich und bis zum Gelände der Firma Riedel Textil (früher Ziegelei Gottschalk) an der Rußdorfer Talstraße erstreckte. Die legendäre „Dicke Fichte“ wies einen Stammumfang von 2,40 Meter auf, eine weitere Fichte von 2,19 Meter. Wie der Chronist Karl Fritsching berichtete, standen die 200-jährigen Fichten am Waldrand nahe den Schimmelschen Teichen. Die Feuerungsnot in den Nachkriegsjahren des 1. Weltkrieges bewirkte ein Abholzen nicht nur des Rußdorfer Holzes, sondern auch des Stadtparkes. Wie mein Schwiegervater (1909-1987) als Augenzeuge berichtete, riefen die Bauern die Polizei zu Hilfe. Bald waren die Gendarmen an Ort und Stelle. Daraufhin schossen Kriegsheimkehrer mit illegalen Waffen in die Luft, denn zu Hause warteten frierende Frauen und Kinder. Das hatte man nicht gedacht, als die Soldaten 1914 am Limbacher Bahnhof unter großem Jubel, mit Fahnen und Girlanden sowie grenzenloser Begeisterung und mit Marschmusik verabschiedet wurden. Nach den Schüssen verschwanden die Gendarmen und die Sägen und Äxte verrichteten im Rußdorfer Wald weiter ihr zerstörerisches Werk. Wie wir wissen, waren auch in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg in den umgrenzenden Wäldern, zum Beispiel im Hohen Hain, Rußdorfer Holz und im Gemeindewald, größere und ebenfalls zerstörerische Abholzungen zu verzeichnen. Über 100-jährige Bäume sind im Limbacher Land deshalb eine Seltenheit geworden.
Heute existiert in Sachsen eine Rekordfichte von zirka fünf Meter Umfang. Dieser Baumriese befindet sich am fast unzugänglichen Bach der Kirnitsch in der hinteren Sächsischen Schweiz.
Friedemann Maisch im Auftrag der Fördervereins Esche-Museum

veröffentlicht am 03. August 2017 im Stadtspiegel

 
 

Hanne Treff – der „Verslmacherin“ zum 130. Geburtstag
Dr. H. Schnurrbusch © 2017

Im vorigen Jahrhundert gab es in Limbach/Sachsen eine Heimatdichterin, die heute fast vergessen ist – Hanne Treff, geb. 14.5.1887 in Annaberg, gestorben 11.5.1957 in Limbach.
Das Limbacher Tageblatt vom 12.11.1930 schildert eine Veranstaltung im großen Saal des Hotels „Hirsch“, für die Hanne Treff den Spielplan geschrieben und Regie geführt hatte. Es war ein Heimatabend des Ev. Frauenvereins im Sinne seiner Aufgabenstellung zu wirken für die Heimat, für die Frauen und für die Unterstützung Bedürftiger. Das Programm war gestaltet mit Musik, Gesang und Darstellung eines Bühnenspiels von Hanne Treff mit dem Titel „Zeitgedanken“, in dem u.a. Quersackindianer als Sinnbilder früherer Produzenten mit dem „Lied der Alten“ der Heimatdichterin auftraten („Wir sind die Quersackindianer, / schaffen mit Fleiß immerzu. / Wir nähen, wir zwickeln, wir formen / die Herren- und Damenhandschuh’. usw.“ über neun Strophen). „Schreibmaschinenmädchen“ symbolisierten die gegenwärtige Arbeitswelt. Die Laiendarsteller kamen aus dem Dramatischen Verein der Stadt, Musik vom Städtischen Orchester und der Gesang von allen Gästen des ausverkauften Hauses.
Damit ist das Wirken der „Verslmacherin“ skizziert. Sie schrieb heitere und besinnliche Lieder, Gedichte und Bühnenstücke teilweise in erzgebirgischer Mundart für den Erzgebirgsverein, für öffentliche Aufführungen oder Feiern und Festlichkeiten, immer aus ihrer Motivation, mit der Liebe zur Heimat Freude zu bereiten. Damit ist auch das Interesse des Limbacher Publikums an der Heimatpflege und Heimatgeschichte beleuchtet. Der Erzgebirgsverein (1878 gegründet) hatte in Sachsen 170 Zweigvereine und vor 1945 mehr als 28.000 Mitglieder. Er war einer der ältesten und traditionsreichsten Heimat-, Gebirgs- und Wandervereine in Deutschland, seine monatliche Vereinsschrift hieß und heißt heute wieder „Glückauf!“ Der Verein wurde wie alle Vereine 1945 verboten. Er war 1937 vom nationalsozialistischen „Heimatwerk Sachsen“ des Gauleiters Mutschmann vereinnahmt worden war. Neu gegründet wurde er 1955 in Göttingen, 1989 in Pobershau.
Die Limbacher gründeten 1883 einen Zweigverein, der sich den Zielen des Dachverbandes wie das Anlegen von Wegemarkierungen, Aussichtstürmen und -punkten, Erhaltung der Natur- und Kunstdenkmäler, Ausbau von Verkehrsverbindungen und Jugendherbergen, Berggaststätten usw. verschrieb und daneben besonders die Umgebung der Heimatstadt verschönern wollte. Dazu gehörte 1886 der Bau des Maria-Josefa-Turms auf dem Totenstein gemeinsam mit dem Zweigverein Rabenstein, Anpflanzungen im Stadtpark, das Aufstellen zahlreicher Bänke, Wegetafeln, Wegweiser und der Bau einer Rodelbahn im Hohen Hain 1912, nicht zuletzt die Errichtung einer Anton-Günther-Stätte im Stadtpark 1938. Der Verein veranstaltete und unterstützte Ausflüge, Wanderungen und Schülerreisen, auch Hutzen- und Theaterabende. Gern und oft zu Gast war auch der Chemnitzer Lehrer Max Wenzel, neben Anton Günther der produktivste Dichter erzgebirgischer Mundart. Seine Tochter Lore war viele Jahre Praktische Ärztin in Röhrsdorf.
In diese Atmosphäre hinein wirkte Hanne Treff mit ihren vielen Bühnenstücken und Liedern in enger Gemeinschaft mit dem hiesigen Erzgebirgsverein. Zum Heimatfest anlässlich des Jubiläums 50 Jahre Stadt Limbach 1933 schuf Hanne Treff des Festspiel „Vom Einst zum Jetzt“, das beim Publikum so großen Beifall fand, dass es nach der Premiere in der Parkschänke noch mehrmals aufgeführt werden musste. 1934 schrieb die Dichterin ihr erstes größeres Erzgebirgsspiel „Dr Waag ze Kraft un Schiehat“, 1935 folgte „Ben Weigelt-Schuster“. Großen Erfolg erzielte 1939 das Spiel „In der Sommerfrisch“. Das Bühnenspiel „Dicht ben Schlagboom“ konnte durch den Kriegsausbruch 1939 nicht mehr aufgeführt werden. Auch über Limbach hinaus konnte Hanne Treff ihre Lieder und Gedichte vortragen wie zum Tag der Erzgebirger 1935 in Berlin, zur Rundfunkausstellung in Berlin und an anderen Orten. 1938 ließ sie in einem Bühnenstück „Im Anna-Esche-Gässchen spukt’s“ Figuren aus der Limbacher Vergangenheit auftreten, ebenso in den Stücken „Das Glück im Quersack“ (1939) und „Geheimnis der Hofkatze“, hier ging es um Episoden aus der Limbacher Rittergutsgeschichte. 1940 erschien im Friedrich Hofmeister Verlag, Leipzig eine Broschüre mit 12 Liedern von Hanne Treff in erzgebirgischer Mundart mit dem Titel „Mei Liederstraißl“. Eine Liedpostkarte wurde in Limbach gedruckt mit dem Heimatlied „Mein Limbach“. Andere Lieder und Gedichte sind nicht veröffentlicht worden, so z.B. Soldatenlieder, die die Dichterin den verwundeten Soldaten in den Limbacher Lazaretten vortrug. 1945 wurde der Erzgebirgsverein verboten, für Hanne Treff fehlte jetzt die Möglichkeit zu Vorträgen oder Aufführungen, sie trat nun gern bei Betriebs- oder sonstigen Feiern auf und blieb den Limbachern in geschätzter und hoch gewürdigter Erinnerung. Der Kulturbund gratulierte ihr noch 1957 in seinem Monatsheft „Kultur und Heimat“ zum 70. Geburtstag, den sie aber nicht mehr erlebte. Sie starb vor 60 Jahren drei Tage vor ihrem Geburtstag ganz erblindet im Limbacher Krankenhaus.
Leider sind uns Treffsche Werke oder ein Bild von ihr nicht überkommen, vielleicht findet ein Leser noch etwas in privaten Beständen – das Stadtarchiv würde sich sehr freuen.

veröffentlicht am 25. Mai 2017 im Stadtspiegel

 
 

Vergessene Burgen und Rittersitze (2)
Die Wasserburg des Kunz von Kaufungen
Rolf Kirchner

In den Jahren ab 1165 etwa entstanden sowohl längs der Zwickauer Mulde als auch an der alten Peter und Paul-Straße Groitzsch-Borna in Richtung Zwickauer Mulde eine Vielzahl von Burgen, Schlössern und Rittersitzen. Eine der Voraussetzungen zum Bau der Burgen war die bäuerliche Erschließung der Region. Bereits 1105 existierten im Gebiet zwischen der Wiera und der Schnauder (Region Groitzsch-Altenburg-Kohren) 17 Dörfer, die den sogenannten „Neubruchzehnten“ zahlen mussten. (O.U. vom 23. Sept. 1105). Zu der Zeit war die weitere Erschließung des Gebietes bis hin zur Zwickauer Mulde in vollem Gange, wie das aus dem Urkundentext hervorgeht. Anfang/Mitte des 12. Jahrhunderts waren ja noch etwa fünf bis sechs Bauernfamilien nötig, um so viel Überschuss zu erzielen, um auch nur einen einzigen Burgenbauer oder späteren Burgbewohner zu ernähren. Die Burganlagen wurden, wenn irgend möglich als Höhenburgen errichtet um sich vor feindlichen Angriffen zu schützen, wie z.B. die Wolkenburg oder die Rochsburg. In Kaufungen war dies nicht möglich, deshalb wurde sie als Wasserburg angelegt und mit doppelten Wallgräben umgeben. Das Datum der Entstehung dieser Burg, die von den von Kaufungen errichtet wurde, ist nicht bekannt, denn eine Gründungsurkunde existiert nicht. Laut Original-Urkunde vom Juli 1226 könnte sie aber um 1170 errichtet worden sein. In dieser Urkunde, ausgestellt in Verona, wird ein Heinrich von Kaufungen von Kaiser Friedrich II. direkt mit Kaufungen belehnt, das er zuvor, vermutlich als Erbteil zusammen mit seinem Bruder Guelferamus (zu der Zeit verstorben), besessen hatte. Über das Aussehen der Burg ist nichts bekannt, da sie im Bruderkrieg 1450 schwer beschädigt, 1535/36 abgebrochen und daneben neu aufgebaut wurde. Man kann aber davon ausgehen, dass sie in der damals üblichen Bauweise mit Bergfried, Wehrmauer, Torturm, Fallbrücke usw. errichtet wurde. Zeugnisse aus jener Zeit sind nur noch Bodenfunde, wie Metallteile oder Keramikscherben, von der Bausubstanz ist absolut nichts mehr vorhanden. Im Besitz der von Kaufungen, die vermutlich aus dem hessischen Kaufungen nach Sachsen gekommen waren, verblieb die Burg bis zum legendären Prinzenraub des Kunz von Kaufungen im Jahre 1455. Kunz hatte schon vor seiner Hinrichtung am 14. Juli 1455 (er wurde in der Kirche von Neukirchen begraben), seinen Besitz Kaufungen mit der Wolkenburger Mühle an Hans von Maltitz verpfändet, der dann auch im Besitz von Kaufungen verblieb. Unter den Maltitzern, im Besitz von Kaufungen bis 1557, wurde die Burg neu errichtet. Auf die Maltitzer folgten die von Pflugk, die von Thumbshirn und die Edlen von der Planitz. Die Erben des letzten Planitzers verkauften Kaufungen im Jahre 1766 an Detlev Carl Graf von Einsiedel auf Wolkenburg. Dieser lässt den gesamten Gebäudekomplex einschließlich der Kirche renovieren, wie aus einer Urkunde hervorgeht, die in den Turmknopf des nun so genannten „Schloss Kaufungen“ eingelegt wurde. Es heißt dort u.a.: „… dass … dieser Bau aber endlich mit Aufsetzung des Knopfes d. 25. September 1767 gedachten Jahres zu Stande gebracht worden“. Detlev Carl Graf von Einsiedel plante unterhalb des Gebäudekomplexes eine Parkanlage mit drei Pavillons zu errichten, was aber dann doch nicht zur Ausführung kam. Der Bau existierte bis 1945 im Wesentlichen unverändert, ab diesem Jahr riss man nahezu den gesamten Gebäudekomplex einschließlich der Rittergutsbrauerei ab und verwendete das Abbruchmaterial zum Bau von Neubauernhäusern. Stehen blieb nur ein rechtwinklig angeordneter Wohnflügel mit Treppenturm. Dieser wurde vor einigen Jahren in Privatbesitz übernommen und denkmalgerecht saniert.

 
 

Die Holzmühle (Teichmühle, Richtermühle) in Rußdorf
Dr. H. Schnurrbusch –
aus dem Heft „Mühlen am Limbach und am Frohnbach“ © 2016


Das Dorf Rußdorf (1335 als Rudelsdorf genannt) war 1457 bis 1928 eine Enklave im Gebiet Sachsens und gehörte zum Kreisamt Altenburg. Es war durch einen Tausch zum Herzogtum Sachsen-Altenburg, ab 1920 Thüringen gekommen. Da das Dorf keine eigene Mühle hatte, mussten die Rußdorfer Bauern ihr Getreide „im Ausland“ mahlen lassen, was durch Behinderungen und höhere Kosten Ärgernisse verursachte. Jeder Ort außerhalb der Flurgrenzen des Dorfes war für die Rußdorfer Ausland, nämlich Sachsen.
Über vier Jahrhunderte war die Familie der Erbgutbesitzer, Gastwirte und Richter Sebastian in Rußdorf ansässig. 1719 hatte der Antrag von Elisabeth, der Witwe des Dorfrichters Abraham Sebastians, Erfolg, und sie erhielt von Friedrich III., Herzog zu Sachsen-Gotha-Altenburg, die Konzession zum Betreiben einer Wassermühle mit einem Mahlgang, für ein „Ausspann- und Schänkgut mit Mühle“. Deshalb findet man mitunter die Bezeichnung „Richter-Mühle“, nicht nach einem Namen, sondern nach dem Dorfrichter benannt. Die Kopie der Konzessionsurkunde befand sich früher im Heimatmuseum Limbach. Allerdings konnte die Witwe nach den Zunftbestimmungen die Mühle nicht selbst betreiben, sie wurde verpachtet. Neben der Mühle wurden eine Bäckerei und eine kleine Gastwirtschaft eingerichtet, Brot und Kuchen gebacken und Sebastians Bier ausgeschenkt. Mühlenpächter und Bäcker waren 1753 Bernhard Müller, 1768 Benjamin Teubel, 1802 Adam Wagner, 1825 Friedrich Wetzel, 1853 Heinrich Baumann und 1875 als letzter Ernst Seifert.
Die Mühle wurde im Quellgebiet des Frohnbaches am Rußdorfer Holz an der Süd-grenze der Flur erbaut. Die Lage ist noch zu ersehen im Oberreitschen Atlas, der ältesten Generalstabskarte Sachsens von 1821-1860. Vom „Kober“ führt ein „Mühl-weg“ zu dem Dreiseiten-Gehöft in Fachwerkbauweise auf massivem Erdgeschoss.
Der Kuwer oder Kober bezeichnet das Ende der Rußdorfer Flur in Richtung Meins-dorf, also an der südlichen Meinsdorfer Straße. Das Haupt- und das Mühlen-gebäude mit dem Schuppen für das Mühlrad standen nach Süden, dem Teichdamm zu, hinter dem Haus, nach Rußdorf zu befand sich das Stallgebäude, nach Limbach zu die Scheune. An der Meinsdorfer Seite war das Gehöft durch Mauer und Tor versperrt.
Da der Frohnbach dort nur ein kleines Rinnsal ist, wurden zum Mühlenbetrieb erst ein, später noch zwei Mühlteiche angelegt und das Rußdorfer Korn gemahlen. Die Holzmühle wurde zu einem beliebten Ausflugsziel der Limbacher Wanderer und der Pilzsucher. Paul Fritzsching hat sich 1938 noch von alten Limbachern berichten lassen:
„…Draußen bei der Mühle waren Bänke und Tische aufgestellt. Bier gab’s in Fla-schen, in den früheren Tonflaschen: Weißbier, auch Gose. Auch einen Schieböcker konnte man kriegen, Würsteln, auch ein Glas Milch. Stufen gingen auf den Teich-damm hinauf. Von dort sah man das Mühlrad bei der Mühle.“ … „Dort wurde ge-wöhnlich eingekehrt, wenn wir in die Pilze gingen. Beim Bäck’ Seifert gab’s eine gute Flasche „Einfach“ (Bier) aber auch Kuchen und Kaffee. Im Grätzegarten zog er be-sonders viele schöne Rosen…“
Leider verfiel die Mühle um 1870 immer mehr, der letzte Pächter kündigte 1875 sei-nen Vertrag, 1878 wurde die Holzmühle abgerissen. Ihr Dasein wurde vergessen, nur der Mühlweg und die Mühlteiche erinnern noch an die Rußdorfer Holzmühle.


1)Der Rußdorfer „Großbauer“ Ch. Sebastian floh 1956, von der Kolchosierung bedroht, mit seiner Familie nach Kanada, aus seinem Besitz wurde die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft LPG Typ I. Während der „Kollektivierung“ der Landwirtschaft in der DDR 1952 bis 1960 begingen etwa 200 Bauern Selbstmord, 15.500 flohen in den Westen, es fanden 8.000 Schauprozesse statt.

veröffentlicht am 27. April 2017 im Stadtspiegel

 
 

Heinrich Mauersberger
Friedemann Bähr

Am 16. Februar erinnern wir uns des 35. Todestages von Heinrich Mauersberger, geboren am 11. Februar 1909 in Neukirchen bei Crimmitschau, der sich mit seinem großen Erfindergeist zu DDR-Zeiten einen nachhaltigen Ruf erwarb, vor allem mit seinem geschützten DDR-Patent „WP 8194“ zur Nähwirktechnik, dem später weitere 67 anerkannte Patente folgten. Heinrich Mauersberger bleibt uns als stets hilfsbereiter und bescheidener Mann mit Witz und Humor in Erinnerung, der lebenslustig und immer freundlich und durch seinen beharrlichen Einsatz für den technischen Fortschritt weltweite Anerkennung fand. Der Chemiker-Colorist, Handwerksmeister, und Textilingenieur entwickelte zusammen mit Textilmaschineningenieuren den Prototyp einer Nähwirkmaschine vom Typ Malimo in seiner Garage. Das wichtigste Teil seiner Erfindung war eine neuartig geformte Nadel, für deren Herstellung er spezielles Werkzeug aus einer Metallfabrik benötigte. Um Tag und Nacht an seiner Erfindung weiterzuarbeiten, hatte er sogar sein Nachtlager gleich neben der Werkbank eingerichtet und kam dadurch zu dem Spitznamen „Wattegeist“. Das Urmodell ist heute im Museum in Bonn zu bewundern, nachdem es Mauersberger 1975 dem Deutschen Museum für Geschichte in Berlin übergab und nach der politischen Wende war es vorübergehend im Technischen Museum München untergebracht. Die Serienproduktion der entsprechenden, sehr produktiven Maschine begann vor genau 60 Jahren, im Jahre 1957 in Karl-Marx-Stadt. Diesem folgten weitere Entwicklungen, so die abgewandelten Typen Malipol, Maliwatt und Malivlies, die ebenfalls Ende der 50er Jahre von sächsischen Unternehmen hergestellt wurden. Malimo (zusammengesetzt aus Mauersberger Limbach-Oberfrohna) revolutionierte die Textilindustrie der DDR und wurde in großen Mengen hergestellt. Malimo-Maschinen wurden in zahlreiche Länder exportiert (unter anderem nach Australien, Dänemark, Frankreich, Island, Japan, Kuwait, Norwegen, Österreich, Schweden, Schweiz und USA). Malimo-Erzeugnisse fanden sich später in fast allen Privathaushalten der DDR. Typische Produkte waren Handtücher und Gardinen. In der Gegenwart hat das Verfahren zur Herstellung technischer Textilien Bedeutung. Außerdem wird heute noch seine Nähwirktechnik in der Industrie sowie in der Raumfahrt genutzt. Der DDR-Slogan „Der Meister sprach von Malimo, denn Malimo hat Weltniveau“ machte die Runde und Malimo Maschinen und Lizenzen wurden ist fast 80 Länder verkauft. Heinrich Mauersberger erhielt für seine Erfindung in der DDR 1954 den Nationalpreis III. Klasse für Wissenschaft und Technik, erhielt 1963 den Ehrentitel „Held der Arbeit“ und ein Jahr später den Orden „Banner der Arbeit“ Der Rat der Stadt Limbach-Oberfrohna verlieh ihm im Jahre 1963 die Ehrenbürgerschaft und eine Straße, der Heinrich-Mauersberger-Ring, ist nach ihm benannt. Auch im Ausland wurde Heinrich Mauersberger für seine Erfindung ge-ehrt. So wurde er am 29. November1979 zum Ehrenmitglied des Textile Institute of Manchester ernannt. Diese Ehre wurde vor ihm erst einem Deutschen, dem Erfinder des Perlons, Paul Theodor Schlack, im Jahre 1963 zuteil: Auf der Leipziger Messe gelang ihm der Verkauf einer Lizenz an die USA. Nachdem Heinrich Mauersberger trotz großem physischen Druck nicht in die SED eintrat, erlag er den Repressalien, wurde aus der „Kammer der Technik“ ausgeschlossen, erhielt Redeverbot auf fachlichen Symposien und Konferenzen. Nach seinem energischen Protest verlor der Entwicklungsingenieur seine Stellung in der VVB Textima als Malimo-Institutsleiter und wurde für drei Monate in die Psychiatrie nach Waldheim gebracht. Nach seiner Entlassung verzog er nach Berlin und erwarb vor 50 Jahren, im Jahre 1967, ein Anwesen in Bestensee und hatte kein eigenes Einkommen mehr; die Malimo-Lizenzeinnahmen seines Patents wurden ihm nicht ausgezahlt. Nachdem 1969 einige westdeutsche Kollegen aus seiner Branche in einer Fachzeitschrift mit dem Solidaritätsaufruf: „DDR-Erfinder nagt am Hungertuch“ an die Öffentlichkeit traten, erhielt Mauersberger eine Ehrenpension des Ministerrates, deren Höhe auch nach der Wende nicht ermittelt werden konnte, denn die DDR vereinnahmte seine gesamten Lizenzentgelte. Heinrich Mauersberger verstarb 1982 an seinem letzten Wohnsitz in der brandenburgischen Gemeinde Bestensee und wurde auf dem Nordfriedhof beigesetzt. Die Gemeinde Bestensee machte ihm postum am 5. Februar 2009 zum ersten Ehrenbürger der Kommune.

veröffentlicht am 16. Februar 2017 im Stadtspiegel

 
 

Edelkastanie oder Marone in Rußdorf
Waldenburger Straße 157

Friedemann Maisch, im Auftrag des Fördervereins Esche-Museum

Wie der Besitzer des Vierseitenhofes Gotthardt Fichtner (1929 - 2015) berichtete, wurde die Marone vor vielen Jahren von Bauern dort gepflanzt. Sie war in alten Zeiten als Setzling aus dem Altenburgischen nach Rußdorf gelangt. Rußdorf war ja seit 1525 herzoglich thüringische Enklave mitten im Königreich Sachsen. Gotthardt Fichtner war 1945 kurz vor Zwölf als blutjunger Mann durch die Wehrmacht als Soldat eingezogen und durch die Kriegswirren schließlich in amerikanischen Kriegsgefangenschaft gelangt. Der ursprünglich etwa 200 Jahre alte Baum war beim Brand des Vierseitenhofes am 14. April 1945 eingegangen. Die Ursache des Brandes war die fanatische und unsinnige Gegenwehr der Wehrmacht beim Vorrücken der amerikanischen Truppen. Von Falken aus nahmen die Amerikaner daraufhin Rußdorf unter Artilleriefeuer. Elf Häuser beziehungsweise Gehöfte in Rußdorf wurden am 14. April 1945 in Brand geschossen, so auch der Fichtnersche Vierseitenhof an der Waldenburger Straße. Bei den Kämpfen kurz vor Kriegsende starben 16 Soldaten und Zivilisten. Gotthardt Fichtner erlebte bei der Heimkehr aus amerikanischer Gefangenschaft neben dem ausgebrannten Vierseitenhof die ehemals prächtige Edelkastanie als kümmerliche verkohlte Baumleiche. Man schnitt den Stamm bis auf den Baumstumpf zurück. Aber, oh Wunder, die Wurzel der Edelkastanie trieb bald wieder aus. Heute ist das ein vielstämmiger Baum. Jedes Jahr im Juni treibt der hier seltene Baum üppige Blüten in Form weißer Rispen – eine große Anziehung für Bienen und andere Insekten. Die Blüten der Edelkastanie liefern reichlich Nektar. Die Blütenrispen sind bis Anfang Juli zu bewundern. Die Früchte, die Maronen, können geröstet und gegessen werden. So gesehen ist diese Edelkastanie in unserer Gegend eine botanische Seltenheit und zugleich ein Überbleibsel aus alter Zeit.

veröffentlicht am 05. Januar 2017 im Stadtspiegel

 
 

Wie Rußdorf bald einen Bahnhof bekommen hätte
Hans Lange


Im 8. Schuljahr meiner Schulzeit musste ich folgende Nachschrift schreiben: Zu unserer Großväter Zeiten waren im Bahnverkehr noch sehr viele Fremdwörter üblich. Damals unternahm man keine Reise, sondern eine Tour. Man ging nach der Station (Bahnhof), löste ein Billet (Fahrkarte) oder manchmal auch gleich ein Retourbillet (Rückfahrkarte), sah sich nach einem Portier (Pförtner) um, der natürlich Uniform (Dienstkleidung) trug, fragte diesen noch einmal nach dem Kurs (Fahrplan), ging auf den Perron (Bahnsteig) und bestieg ein Kupee (Abteil). Während der Fahrt kletterte der Kondukteur (Schaffner) von Waggon zu Waggon (Wagen), kontrollierte (prüfte) und kupierte (lochte) die Billets. Die Passagiere (Fahrgäste) konnten auch Lokalzüge (Vorortzüge) benutzen. Die Straßenübergänge waren fast nirgends durch Barrieren (Schranken) gesichert.
Um die Jahrhundertwende entwickelte sich das Limbacher Gebiet zum wohl wichtigsten Textilzentrum Sachsens. Da war es mehr als angebracht, das Eisenbahnnetz entsprechend zu erweitern. Der Limbacher Stadtrat hatte aus diesem Grunde oftmals die Bahnprojekte auf der Tagesordnung, weil die Verbindungen nach Chemnitz und Wüstenbrand unzureichend erschienen. Relativ früh verwarf man die Bahnverbindung nach Penig, die die sächsische Regierung schon zweimal bewilligte, aus Mangel an Geld aber nicht zustande kam. Sie wäre wichtig gewesen, um Kohle von Lugau nach dem sächsischen Norden zu transportieren. Bahnhöfe wären entstanden in Oberfrohna, Fichtigsthal, Mittelfrohna, Niederfrohna, Mühlau, Tauscha, Kaufungen und Wolkenburg. Dann wäre die Linie in die Muldenbahn eingemündet. Grumbach, Callenberg und Rußdorf kämpften um eine Bahnverbindung Limbach – Sankt Egidien. Dieses Projekt kam jedoch nicht an, weil es nur wenig Unterstützung fand. Die Limbacher entschieden sich mehr und mehr für eine Eisenbahnverbindung nach Gößnitz.
Ende des Jahres 1911 stimmte man einer Bahnverbindung Limbach – Meerane zu. Das ergab aber riesige Probleme, weil der Bau eines Viadukts bei Waldenburg sehr kostspielig geworden wäre. Schließlich war man sich einig über die Linie Limbach – Waldenburg – Gößnitz. Vermessungen ergaben die stärkste Neigung von 1 : 40, und Bahnhöfe wären entstanden in Oberfrohna, Rußdorf, Falken, Langenchursdorf, Callenberg, Ebersbach, Waldenburg, Schwaben, Niederwiera, Tettau, Köthel und Gößnitz. Die Kosten wurden mit 5.900.000 Goldmark veranschlagt. Letzten Endes wurde die Linie Limbach-Oberfrohna am 1. Juli 1913 eröffnet, zu deren Bau Oberfrohna 200.000 Mark beisteuern musste. Alle anderen Projekte starben mit dem Beginn des 1. Weltkrieges.

veröffentlicht am 29. September 2016 im Stadtspiegel

 
 

Baumeister
Dr. H. Schnurrbusch - aus dem Heft „Dies und das“ © 2013


In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gab es in den Städten Limbach und Oberfrohna einige hervorragende Baumeister und Architekten. Die Berufsbezeichnung „Baumeister“ wurde damals übergreifend verwendet für die Tätigkeiten von Architekten und Bauingenieuren mit einer Ausbildung an Hochschulen oder Fachschulen. Baumeister hatten bei Bauvorhaben die technische und administrative - manchmal auch die künstlerische - Leitung. Kern der Tätigkeit war die Bauausführung.
Erst später ergab sich mit der zunehmenden Komplexität des Bauwesens eine Differenzierung. Die Berufsfelder der Architekten, der Bauingenieure (heute in allen akademischen Graden vom Dr. Ing. bis zum Bachelor in den verschiedenen Baufächern wie Hoch-, Tief-, Brückenbau u.a.) oder Projektmanager entstanden und unterschieden sich. Immer handelt es sich um staatlich geprüfte Bausachverständige. Unabhängig davon gab in der Branchenbezeichnung „Bauunternehmer“, was nichts über dessen Qualifikation aussagt, sondern den Eigentümer eines Baugeschäfts benennt. Ein Bauunternehmer konnte Baumeister, Architekt oder Bauingenieur sein, mitunter war er Maurer- oder „Baugewerksmeister“. Die Baumeister in Limbach und Oberfrohna haben das Bild der Stadt mit vielen, heute noch ansehnlichen Bauwerken geprägt, wenn auch ihre Schöpfer oft vergessen sind. Es finden sich derzeit noch stattliche Bauten aus der Gründerzeit, dem Jugendstil oder der neuen Sachlichkeit bis hin zum Heimatstil von Siedlungsbauten im „Dritten Reich“. Auffallend ist, dass bei allen Bauwerken ansässige Firmen arbeiteten, die damit hiesige Arbeitsplätze sicherten. Eine deutschland- oder europaweite Ausschreibung wäre undenkbar gewesen. Allerdings sind manche Bauten nicht ohne Fehlschläge entstanden. So stürzte Ostern 1927 bei einem Erweiterungsbau der Fa. Ernst Saupe (später Wima) ein Teil der Fabrikhallen mit Getöse zusammen. Zum Glück kamen Personen nicht zu Schaden. Anders 1932: Am 15. November stürzte beim Bau des Kinos „Capitol“, Helenenstraße 49, eine neu errichtete Ziegelmauer ein und begrub drei schwer verletzte Bauarbeiter unter sich.
So gehören am Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Limbacher Baumeistern Poser, Vater und Sohn, die ganze Straßenzüge, das Hotel „Stadt Mannheim“, die Kaiserliche Post am Ludwigsplatz, die Schulen I und II und die Oberfrohnaer Kirche gebaut haben.
Die Christophstraße ist nach dem Vater Christoph Poser benannt. Die Firma des Baumeisters Sussig erbaute u.a. zahlreiche Straßenschleusen, den Schlachthof, zwei Turnhallen, das Fabrikgebäude von Louis H. Schaarschmidt sowie Kirche und Schule in Kändler, Guido Zetsche erweiterte 1927 und 1935 die Fa. Ernst Saupe. In Oberfrohna war die Baufirma Hermann Täschner tätig und errichtete u.a. das Pfarrhaus, den Schulhausanbau, das Jahnhaus und viele Wohnhäuser. Um 1925 stehen im Branchenverzeichnis unter der Rubrik Baumeister, Architekten, Baugeschäfte in Oberfrohna die Firmen Täschner, Schönert (heute Rühlig) oder Thieme und in Limbach Perl, Zetsche, Poser, Sussig, Fischer, Johne, Süß, Schramm, (Grobe &) Vogelsang und andere. Es bedürfte einer eingehenderen Würdigung dieser geschäftigen Männer. Um 1930 taucht der Name des Limbacher Architekten Hans Möckel (1908 – 1942) auf.
Nicht vergessen sein sollen die fähigen Stadtbaumeister, Hermann Haupt - in Limbach als Baurat tätig vom 16.4.1923 bis zum 30.4.1940 - und Oswin Haas in Oberfrohna. Haupt projektierte z.B. den Wasserturm und die Siedlung Am Quirlbusch, den Umbau einer Fabrik zur Berufsschule und viele Wohnbauten. Erstaunlich ist, dass die Stadtplanung dieses Bauamtsleiters schon 1931 die Bebauung der heutigen Wohngebiete Am Hohen Hain und Am Wasserturm vorsah, das heutige Gewerbegebiet Ost und seine Verkehrsplanung Ortsumgehungen mit einer nördlichen und südlichen Ringstraße.
Der Stadtbaumeister Oswin Haas war im Bau- und Grundstücksamt Oberfrohna seit dem 16.11.1925 beschäftigt und entwarf das Gebäude der „Volksküche“ (Rußdorfer Straße 6) in Oberfrohna und ließ Wohnhäuser errichten. In seine Amtszeit und Leitung fiel der Bau der Jahnkampfbahn, der Oberfrohnaer „Randsiedlung“ (Gartenstraße, Am Birkenhain) und der Siedlung an der Wiesenstraße. Bei der Ausstellung „Sachsen am Werk“ wurde Oberfrohna 1938 auch wegen seiner Leistungen als „Musterstadt“ geehrt.

veröffentlicht am 18. August 2016

 
 

Alte Bäume im Limbacher Land – einst und jetzt
Die Edelkastanie oder Marone in Pleißa
verfasst im Auftrag des Fördervereins Esche Museum von Friedemann Maisch


Edelkastanien sind im sächsischen Vorgebirgsland auch heute noch Exoten. Die wärmeliebenden Bäume stammen aus den Mittelmeerländern und sind z.B. in Südtirol weit verbreitet. Wer hat wohl noch keine gerösteten Früchte der Edelkastanien – die Maronen probiert? Wie dieser Exot nach Pleißa geraten ist, kann nur vermutet werden. Das Dorf Pleißa gehörte nicht zum Besitz des Limbacher Rittergutes bzw. des Amtes Penig, sondern zum „Closter Kempnitz“ und nach der Reformation zum Kirchsprengel Chemnitz. Der Vierseitenhof, das spätere Forstgut war lange Zeit im Besitz der unterhalb der Kirche gelegenen Oehm-Mühle und wurde 1789 an einen Kretschmar, von Beruf Grenzschütze, verkauft. Es ist zu vermuten, dass die Müller der Oehm-Mühle eine bessere Bildung hatten wie die Bauern und sie über Kaufleute Verbindungen zu fernen Gegenden knüpfen konnten und dass damit eine seltene Edelkastanie als Exot den Weg nach Pleißa fand. Diese wurde dann im Garten des Bauerhofes gepflanzt. Der Vierseitenhof wurde von der sächsischen Krone gekauft, war dann von 1855 bis 1871 als Forstgut das Domizil der Oberförster. Diese waren direkt dem sächsischen Hof unterstellt. Zu erwähnen ist, dass der Luftfahrtpionier Georg Baumgarten bis 1871 hier Oberförster war. Von der alten Forstgut-Zeit künden heute noch einige verwitterte Geweihe am Giebel des Wohnhauses. Die Familie Reichenbach erwarb das ehemalige Forstgut 1928. Der starke Stamm der Marone war nur 2,40 Meter hoch, dann begann schon die mächtige weitausladende Krone. Der Stammumfang hatte, wie der Chronist Paul Fritsching in den 1920er Jahren berichtete, stattliche 4,10 Meter betragen. Das Alter kann nur anhand des Stammumfanges geschätzt werden. Vergleichbare Bäume in unserer Klimazone wären mindestens 200 Jahre alt. Die Marone erschien so breit wie hoch. Die Blätter sehen ganz anders aus, wie z.B. bei einer gewöhnlichen Kastanie. Mehr länglich lanzenförmig und gezähnt. Der kalte Polarwinter 1928/29 gab der alten Edelkastanie den Rest. Im Jahre 1930 waren dann nur noch wenige Äste mit Blattgrün vorhanden. Stürme brachen schließlich den Stamm. In der Umgebung des Forstgutes finden wir eine Ansammlung von wertvollen alten Laubbäumen. Darunter zahlreiche Linden, Kastanien und Eschen. Nun haben wir nur noch wenige Maronenbäume im Limbacher Land. Sie stehen z.B. an der Goetheschule, im Park des alten Krankenhauses und in Rußdorf beim Bauer Fichtner. Ein Methusalem unter den Maronen ist in Gersdorf bei Nossen zu finden. Hier beträgt der Stammumfang des alten Baumes 8,25 Meter. Der Baum befindet sich allerdings im absterbenden Zustand.

veröffentlicht am 21. Juli 2016 im Stadtspiegel

 
 

Das historische Ortsbild von Bräunsdorf
Siegfried Frenzel

Wer von Chemnitz her mit dem Auto kommend die Stadtteile Limbach und Oberfrohna in Richtung zur Zwickauer Mulde hinter sich gelassen hat, dem bieten sich nach etwa 300 Metern beim sogenannten „Wegweiser“ – eine alte dreikantige Steinsäule – drei Möglichkeiten weiter in andere Stadtteile von Limbach-Oberfrohna zu fahren. Entweder wählt man den rechts abbiegenden direkten Weiterweg über Kaufungen zur Mulde bei Wolkenburg oder man fährt geradeaus weiter. Gleich links ging es durch die Oberfrohnaer Siedlung zum Bräunsdorfer Oberdorf hinein. Wer geradeaus weiter fährt, dem breitet sich sogleich nach einer kleinen Anhöhe das idyllische, wie in einer Schüssel liegende, Dorf vor sich aus. Es ist die grüne Pforte zum Muldental, dem Land der Burgen Waldenburg, Wolkenburg, Rochsburg, Wechselburg und andere, einer der schönsten Landschaftsräume unserer Heimat.
Entlang des Bräunsdorfer Baches windet sich der Ort etwa vier Kilometer bis zum Ortsausgang vor dem Leitenholz. Bauernhöfe wurden links und rechts des Baches angelegt. Es ist ein typisches Reihen- oder Waldhufendorf, wo jeder Hof einen eigenen Besitzstreifen rechtwinklig zu Straße und Bach hat. Die Siedler brachten im Mittelalter diese Dorfform aus ihren Ursprungsländern mit und rodeten den darauf stehenden dichten Wald (Miriquidi). So entstanden Nutzflächen.
Zwischen und vor die Höfe der Bauern haben sich im Laufe der Zeit Häusleranwesen gedrängt. Auch ein Rittergut gab es. Der große Dorfteich im Niederdorf liegt eingebettet in der breiten Aue, die in ihrer Ursprünglichkeit unbebaut geblieben ist. Dies ist eines der wesentlichen Merkmale der Waldhufendörfer. Unterhalb des großen Teiches schaut man hinauf zum Kirchberg mit der neuromanischen Kirche. Auch hier scheint die Gestalt des Ortes wie zu dessen Anfängen zu sein. Eine stetig fortlaufende Bebauung hat es auch hier nicht gegeben. Die typischen Hausformen im Ort brachten die ersten Siedler aus ihrer Heimat mit. So sind eine Reihe schöner Fachwerkhäuser erhalten. Allerdings häufig angepasst und auch erneuert. Der besonders interessierte Betrachter findet noch Oberlaubengänge und kunstvoll gestaltete Andreaskreuze im Fachwerk. Auch der Dorfbach in seinem ursprünglichen Bett ist fast überall unberührt geblieben. Wie selbstverständlich nimmt er seinen Lauf durch den Ort. Nur im Mitteldorf waren bescheidene Ufermauern zur Hochwasserbändigung notwendig. Durch mehrere Mühlen im Ort und die einst groß angelegte Leinwandbleicherei sind noch Teiche und Rudimente künstlicher Gräben erhalten.
Bräunsdorf ist von alters her landwirtschaftlich geprägt. Über einige Jahrhunderte war der Anbau von Flachs, dessen Weiterverarbeitung und Handel damit eine bedeutende Erwerbsquelle. Später kamen Strumpf- und Textilindustrie mit einigen Fabriken dazu. Im Gegensatz zu anderen Orten ist die ursprüngliche Dorfform noch ablesbar erhalten. Dies ist ein besonderer Schatz.
Heute gibt es im Ort Gebäude für Landwirtschaft, Handwerk und Wohnen, eine Gaststätte in der ehemaligen Teichmühle, einen Bäcker und einen Fleischer im Mitteldorf und im Niederdorf einen Mini-Lebensmittelladen. Sehenswert ist die Kirche. Bräunsdorf mit zirka 1100 Einwohnern seit 1998 Ortsteil von der Großen Kreisstadt Limbach-Oberfrohna. Das heutige Erwerbsleben wird durch die Landwirtschaft, die Dienstleistungen und das Auspendeln zur Arbeit in die Nachbarstädte bestimmt. Bräunsdorf gehört zu den schönsten und aktivsten Orten Westsachsens, was einst durch Wettbewerbsteilnahme bestätigt wurde.
Bemerkenswert ist, dass in unserem Dorf heute und wohl auch in Zukunft die Dominanz der Landwirtschaft geblieben ist. Sofort nach der Wende 1990 machten sich viele Bauern wieder selbstständig als sogenannte „Wiedereinrichter“. An und in mehreren Höfen sind moderne Ställe für Rinder gebaut worden und das Landschaftsbild verändert sich durch große Weideflächen.
Eine von mir 1985 gestaltete Orientierungstafel gibt eine Übersicht vom Ort. Sein steht unweit vom Rathaus entfernt. Für „Wanderlustige“ sollte sie ursprünglich sein. Da die DDR-Werkstoffe aber der Witterung nicht lange standhielten, musste ich sie schon Anfang der 1990er Jahre erneuern. In der Nachwendezeit hat sich durch Bebauung im Dorf so viel verändert, dass eine erneute Überholung durch einen kompetenten Betrieb erforderlich wurde. Für mich erfreulich ist, dass mein ursprünglicher Gestaltungswille, Bräunsdorf als „heimatliche Scholle“ mit jedem Haus und Bauerngut darzustellen, beibehalten wurde.

veröffentlicht am 7. Juli im Stadtspiegel

 
 

1927: 100 Jahre Schule in Oberfrohna
Dr. H. Schnurrbusch: Aus der Schulgeschichte Oberfrohna ©1996


Für Oberfrohna gibt es 1927 gleich zwei Anlässe zum Feiern: Der Schulanbau wird fertig und es ist 100 Jahre her, dass die Gemeinde überhaupt eine Schule hat. 1827 hatte ja der Strumpfwirker und Katechet Krauße zum ersten Male in der Hauptstraße 63 Schule gehalten. Das Freudenfest wird für Sonntag, den 10. Juli, in der Tradition früherer Fest wieder so vorbereitet, dass das ganze Dorf mitfeiern und sich mitfreuen kann.
Einen Tag vor dem erwarteten Freudentag ereignet sich aber die Unwetterkatastrophe vom 9. Juli 1927. Am Nachmittag dieses Sonnabends gegen zwei Uhr verfinstert sich der Himmel, "dass man die Hand vor Augen nicht mehr sah". Heftige Gewitter mit wolkenbruchartigen Regenfällen kommen den Menschen "wie die Sintflut" oder "das Ende der Welt vor.“ Es strömen solche Wassermassen vom Himmel, dass die Dämme von Schimmels Teichen brechen und das ganze Frohnbachtal überschwemmt wird. An der oberen Hauptstraße stehen Häuser, bei denen das Wasser in die Fenster des Erdgeschosses auf der einen Seite hinein und auf der anderen wieder hinaus fließt. Bei der Firma Herrmann Dittrich steht ein ganzes Stockwerk mit allen Maschinen unter Wasser, der Hof der Firma Hermann Grobe gleicht einem See. Zäune und Brücken werden fortgespült und Keller überflutet. Auf der Hauptstraße schwimmen Holzstücke, Hausgerät, Hühner, Bäume. Der Wasserdruck schleudert die schweren eisernen Schleusendeckel heraus und beschädigt oder zerstört Gebäude. In den alten Schulhäusern an der Hauptstraße ober- und unterhalb der neuen Schule stehen die Erdgeschosse unter Wasser, Möbel und Hausrat werden mit Schlamm bedeckt, alle Einrichtung verdorben. Die alte, aus Lehmziegeln erbaute Schmiede bricht zusammen. Die Einwohner müssen mit großer Mühe von der Feuerwehr aus dem oberen Stockwerk gerettet werden. Selbst in Mittelfrohna überfluten die Wasser des Frohnbachs noch über einen Meter hoch die Straße. Am wenigsten lassen sich die Kinder erschrecken, sobald die erste Gefahr vorbei ist, waten sie in knietiefem Wasser und Schlamm auf der Hauptstraße umher und fischen mit großer Freude nach umher schwimmenden Gegenständen. Der Platz vor der Schule, sorgsam festlich geschmückt und mit Sand bestreut, ist völlig mit Wasser und Schlamm bedeckt - die Feier muss verschoben werden. Die Gemeinde Oberfrohna ist durch die Unwetterschäden schwer mit-genommen, trotzdem soll der Anlass würdig begangen werden. So einigt man sich auf einen Festakt am 12. Juli 1927 in der neuen Aula.
Auch ein Festumzug findet zum 100-jährigen Schuljubiläum statt. Ein Teilnehmer berichtet davon, dass die Oberfrohnaer Schulkinder ihre Rolle dabei zu spielen hatten. Ein Schock (60 Kinder) von ihnen stellt dabei Stahl-Schreibfedern dar. Auf einem Festwagen wird die erste Schulstunde in Oberfrohna 1827 gezeigt: Der Lehrer am Strumpf-Wirkstuhl und die Kinder aller Altersklassen in seiner Schulstube. Die Feierstunde in der Aula findet am Vormittag des 12. Juli 1927 statt. Sicher ist eine beschwingte Festfreude nicht aufgekommen. Der Schuldirektor Schramm umrahmt „in künstlerischer Weise“ die Feier mit Musik am Flügel. Er spielt u.a. Beethovens Andante aus der 5. Sinfonie und die Prometheus-Ouvertüre. Der Schulchor unter der Leitung von Oberlehrer Kurt Hartlich singt „Heimat und Vaterland“ und Schüler rezitieren Gedichte. Die Begrüßungsrede übernimmt der Bürgermeister Willy Böhme. Als Gäste sind u.a. erschienen der Regierungsrat Hampe, Oberschulrat Stenzel, Vertreter der Nachbargemeinden und -schulen, Gemeinderat und Schulausschuss, das Lehrerkollegium und die Bauleute. Böhme betont in seiner Rede, dass der Bau in Zeiten wirtschaftlicher Not und Krise der heimischen Industrie ein außerordentlich schweres finanzielles Opfer bedeutet, dadurch hätten die Gemeindevertreter aber auch das richtige Verständnis bewiesen für das Schulwesen und das Wohl des Kinder. Der Bürgermeister dankt allen, die bei der Errichtung des Neubaus mitgeholfen haben, vom Ministerium über die Schulbehörde, den Schulausschuss bis zum Architekten Bohlig und allen Gewerken am Bau. Darauf trägt die Schülerin der Klasse 1 b Inge Ernst ein Gedicht vor - 10 Strophen zu je 6 Versen lang. Die Weiherede hält der Oberschulrat Stenzel und verweist auf die Vorgeschichte des Anbaus, auf Raumnot und wachsende Schülerzahlen. Er geht dann ein auf den Prozess der Industrialisierung, der durch „Technisierung, Manufaktur, Maschinen- und Großbetrieb, Trusts, Syndikate und Rationalisierung der Arbeit nicht ohne Einfluss auf das Seelenleben der in den Wirtschaftsprozess hineingerissenen Menschen blieb.“ Der Schulrat stellt fest: „Der Schwerpunkt des Lebens wurde auf die materielle Seite verlegt. Arbeit ist Sinn und Inhalt des Lebens dieser Menschen, Arbeit ist ihr Glauben, ihre Religion!“ Er fordert die Entwicklung von der Lernschule hin zur Arbeits- und Erlebnisschule, denn es käme nicht mehr nur auf das bloße Wissen an, sondern auf eigenes Denken (!). Stenzel weiht das Haus „als Stätte frohen kindlichen Schaffens“. Bürgermeister Böhme stellt das Haus in den Schutz der Gemeinde und gibt es mit Glückwünschen in die Hand der Schulleitung. Schuldirektor Alexander Schramm übernimmt die Schule mit Dankesworten und Hinweis auf das Gedächtnisjahr für Pestalozzi und Beethoven (beide 1827 gestorben). Dann hält Schramm den Festvortrag „100 Jahre Oberfrohnaer Schulgeschichte“, in dem er die bisherige Entwicklung des Oberfrohnaer Schulwesens ausführlich und mit Liebe zur Heimatgeschichte darstellt. Ein Gedicht und ein Musikstück beenden die „eindrucksvolle und schöne Feier“, wie das Limbacher Tageblatt schreibt.

veröffentlicht am 9. Juni 2016 im Stadtspiegel

 
 

Bomben auf Limbach und Oberfrohna
Dr. H. Schnurrbusch - aus dem Heft „Dies und das“ © 2013


Der „Luftkrieg“ – der Kampf von Luftfahrzeugen gegeneinander oder die Bekämpfung von Bodenzielen aus der Luft – ist etwa 150 Jahre alt. Den ersten Luftangriff der Weltgeschichte führte Österreich 1848, als es von unbemannten Ballons aus Bomben auf Venedig abwerfen ließ. Im Ersten Weltkrieg wurden Lüttich und Antwerpen als erste Städte im August 1914 von einem deutschen Zeppelin bombardiert.
Während sich der Luftkrieg 1914 bis 1918 noch gegen militärische Ziele richtete, entwickelten sich Bombardements danach zu verbrecherischem Terror gegen Zivilisten (Nonkombattanten). Zwischen den Kriegen wurden Bomben vor allen in den Kolonien geworfen: 1922 bombardierten u.a. die Briten Ziele in Indien, im Irak (hier erwarb „Butcher Harris“ seinen Beinamen durch den Tod hunderter Zivilisten), die Franzosen bombardierten Syrien. 1935 setzten italienische Flugzeuge Senfgas gegen Zivilisten in Äthiopien ein – 17.800 tote Zivilisten. Im Spanischen Bürgerkrieg erprobten die Sowjetunion, Deutschland (Legion Condor) und Italien ihre Flugzeuge. Die Zerstörung des baskischen Guernica 1937 durch deutsche und italienische Flugzeuge forderte 300 Todesopfer und erregte Empörung im Gegensatz zu den Verbrechen in den Kolonien.
Der Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg begann mit der deutschen Bombardierung von Warschau 1939 (26.000 Tote) und setzte sich fort mit Rotterdam (800 Tote). Die „Luftschlacht um England“ führte zu einer Niederlage der Luftwaffe. Trotzdem gab es über 20.000 Tote allein in London („The Blitz“), im Stadtzentrum waren Tausende Gebäude beschädigt oder zerstört. Vom November 1940 an wurden deutsche Angriffe auf Industriezentren, ausgeweitet, so auf Birmingham, Coventry (1.200 Tote), Manchester, Sheffield und weitere. Im April 1941 bombardierte die deutsche Luftwaffe ohne Kriegserklärung das unverteidigte Belgrad (15.000 Opfer). Im August 1944 warfen 50 deutsche Kampfflieger Bomben auf Paris. Es wurden 213 Menschen getötet und 593 Gebäude getroffen. Die Aufzählungen sind unvollständig. Makaber war der irrtümliche Bombenabwurf durch deutsche Flugzeuge auf Freiburg im Breisgau im Mai 1940.
Die Angriffe der britischen Royal Air Force (RAF) auf deutsche Städte begannen im Mai 1940 mit 35 Bombern auf Mönchengladbach. 1942 ging die RAF dazu über, nachts große Bomberschwärme mit über 1.000 Maschinen nach Deutschland zu schicken, um durch Flächenbombardements Großstädte zu vernichten. Betroffen waren u.a. Köln („Millenium“ und weitere 261 Angriffe) und das Ruhrgebiet, Hamburg („Gomorrha“), Berlin („Thunderclap“), Dresden, Braunschweig, Heilbronn, Kassel, Koblenz, Magdeburg, Pforzheim, Nürnberg, Schweinfurt, Wuppertal, Würzburg und viele andere wurden großflächig zerstört. 1943 traten auch amerikanische Luftflotten (USAAF) in den Luftkrieg ein. Sie flogen am Tag auf Sicht Angriffe auf Ziele im Deutschen Reich, erlitten 1943 mangels Begleitschutz anfangs schwere Verluste durch die deutsche Jagdabwehr.
Insgesamt fielen dem Bombenkrieg der Alliierten etwa 600.000 deutsche Zivilisten (davon 75.000 Kinder) zum Opfer. Es war die ausdrücklichen Absicht Churchills, die Zivilbevölkerung zum Angriffsziel zu machen und die Luftangriffe so zu gestalten, dass eine möglichst hohe Anzahl Menschen dabei starben („moral bombing“). Die britische Area Bombing Directive „Anweisung zum Flächenbombardement“ 1942 beabsichtigte eine Demoralisierung der Bevölkerung und die Destabilisierung der Regierung.
Das Gegenteil war der Fall – die „Volksgemeinschaft“ solidarisierte sich mit der Regierung gegen den Feind. Die Bombardierung über tausend deutscher Städte 1940 bis 1945 ist historisch beispiellos und die größte Katastrophe auf deutschem Boden seit dem Dreißigjährigen Krieg. Eine Million Spreng- und Brandbomben fielen auf 30 Millionen Zivilisten. 7,5 Millionen Deutsche verloren ihre Wohnung, abgesehen von dem Verlust der seit dem Mittelalter gewachsenen Städte- und Kulturlandschaft. Den vorläufigen Höhepunkt der Kriegsverbrechen gegen Zivilisten – Frauen, Kinder, Alte - erreichten 1945 die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima (160.00 Opfer), Nagasaki (80.000 Tote).
Die deutschen Luftschutzmaßnahmen waren nur wenig erfolgreich, hatten aber zur Folge, dass die am Ort verbliebene Bevölkerung – überwiegend Frauen und Kinder, die meisten Männer waren ja an der Front - viele Male im Monat in Todesangst die notwendigsten Habseligkeiten zusammenraffte, den schon gepackten Koffer ergriff und in den Luft-schutzraum eilte, um dort in Angst, Grauen und Verzweiflung bis zur Entwarnung auszuharren. In Limbach und Oberfrohna gab es 1944 rund fünfmal im Monat Fliegeralarm.
So auch am 29. Juni 1944 in der Zeit von 9:15 bis 10:15 Uhr. An diesem Donnerstag hatten sich 600 Hitlerjungen des Geburtenjahrgangs 1928/1929 aus Limbach und Umgebung zur Röntgenuntersuchung gestaffelt in der Hindenburgschule (Goetheschule) einzufinden. Als der Alarm ausgelöst wurde, fanden viele im Schutzraum keinen Platz mehr und rannten ins Freie, auf den Hohen Hain zu, in der Hoffnung, dort sicher zu sein. Drei fanden dort den Tod. Nach einem Bericht des Lehrers Rudolf Weber führten zur gleichen Zeit mehrere hundert Kinder der Schulen II und III (Pestalozzischule und Gymnasium) auf dem Sportplatz an der Feldstraße Sportwettkämpfe durch. Bei Fliegeralarm durfte niemand mehr auf der Straße sein. Die Kinder konnten also nicht mehr nach Hause geschickt werden und mussten in der Turnhalle ohne Luftschutzraum den Angriff abwarten. Die Kinder waren panisch, weinten und schrien vor Angst bei jeder Detonation, bis die Gefahr endlich vorüber war. Sie erinnern sich noch heute daran. Der Bombenabwurf der US-Air Forces dauerte nur wenige Minuten und geschah wohl im Zusammenhang mit einem Angriff auf Mitteldeutschland (Leipzig, Magdeburg, Köthen). Er forderte in Limbach sechs Todesopfer, davon drei 15 und 16 Jahre alte Jugendliche und ein französischer Kriegsgefangener im städtischen Dienst.
24 Personen wurden verletzt, davon acht Männer schwer. Die Bomben fielen zum Glück nicht auf das Stadtzentrum, sondern auf die Gegend der Kreuzeiche, der Siedlung am Neuteich, in den Hohen Hain. Betroffen waren die Schrebergärten („Bodenreform“, „Waldesruh“) und das Pfarrbachtal sowie die Wiesen zwischen Bahnhof und Neuteich. Es wurden rund 300 Bombentrichter gezählt, etwa 5 Meter tief und 10 bis 15 Meter im Durchmesser. Einige kann man heute noch trotz des Bewuchses im Hohen Hain finden.
Beschädigt wurden in Limbach 70 Gebäude, eins davon total, drei schwer, die Schäden an Fenstern und Dächern sowie an den Gleisanlangen am Bahnhof waren bedeutend. Die Stadtverwaltung Limbach leitete Sofortmaßnehmen ein zur Unterbringung der Obdachlosen, zur Wiederherstellung der Strom-, Gas- und Wasserversorgung und stellte nach dem Angriff fest, dass 299 Sprengbomben, je 125 Kilogramm schwer und 24 Phosphor-Brandbomben (je 56 Kilogramm) abgeworfen worden waren. Auch in den Nachbargemeinden – Niederfrohna, Kändler, Rabenstein, ferner in Chemnitz - waren im gleichen Zusammenhang Bombenschäden zu verzeichnen. 1945 nahmen die Luftangriffe und Überflüge zu und damit die Zahl der Fliegeralarme. Paul Fritzsching zählte im Januar siebenmal Alarm in Limbach und Oberfrohna, im Februar 16 Alarme, im März 22 und im April bis zum 14.4. neunmal Fliegeralarm.
Am Dienstag, dem 6. Februar 1945 wurde von 11.15 bis 12.30 Uhr Fliegeralarm ausgelöst. Eine Staffel anglo-amerikanischer Flugzeuge bombardierte Oberfrohna. Getroffen wurde der Bahnhof und besonders der Ortsteil westlich vom Jahnhaus - Sportplatz, Siedlerweg, Rußdorfer Straße, Rosenhof. Hier wurden nach dem Angriff 85 Bombentrichter gezählt. Bei dem Bombardement kamen 15 Menschen ums Leben, alles Zivilisten, davon sieben Frauen und zwei Kinder. Ihre Gräber sind auf dem Oberfrohnaer Friedhof noch zu sehen. Die Zahl der Verletzten ist unbekannt.
Es wurden 30 Häuser teils völlig, einige teilweise zerstört. Ein Foto der getroffenen Häuser am Rosenhof ist erhalten. (Foto) Das Haus Siedlerweg 8 sank in Trümmer und begrub zwei Menschen unter sich, ein anderes wurde schwer getroffen. Bedeutende Schäden erlitten Häuser an der Wolkenburger Straße, dort brannte die Trikotagenfabrik Haustein (Nummer 15) nieder, der Besitzer kam um.
Am Bahnhof entstanden Bombenschäden. Schienen wurden aufgerissen, Waggons zertrümmert, Bahngebäude stark beschädigt. Schäden am Wasserwerk stellten die Wasserversorgung zeitweise in Frage. Außerdem richteten die Bomben Schäden auf dem Friedhof an, wo Gräber verwüstet wurden.
Im April 1945 griffen noch amerikanische Tiefflieger mit Bordwaffen an. Dabei kam es in Limbach zu Schäden, ein Kind wurde getötet, der Enkel des Parkschänkenwirts Arno Harzendorf. Der Einmarsch der Amerikaner nach Artilleriebeschuss und einzelne Kampfhandlungen forderten in Oberfrohna und Rußdorf noch am 14. April zehn Todesopfer. Aber mit dem Einmarsch der US-Armee waren sechs Kriegsjahre mit entsetzlichen Schäden und schrecklichen Opfern vorbei.

veröffentlicht am 12. Mai 2016

 
 

Rußdorfer Heimatgeschichten von Hans Lange
Beide Texte aus: Hans Lange „Ein Rußdorfer Heimatbild“ (leicht gekürzt)


Sehr geehrte Leserinnen und Leser des „Stadtspiegel“,
in den neunziger Jahren veröffentlichte Hans Lange (1922-2008) zwei Hefte unter den Titeln: „Ein Rußdorfer Heimatbild“ und „Rußdorfer Allerlei“
Hans Lange war ein Rußdorfer Neulehrer. Von 1946 bis Ende der 1950er Jahre war er Lehrer in der Schule in Rußdorf. Danach, bis zu seinem Ruhestand arbeitete er als Lehrer in der Geschwister-Scholl-Schule in Limbach.

In seinem Vorwort im „Rußdorfer Heimatbild“ schreibt Hans Lange:
Als alter Rußdorfer interessiere ich mich natürlich ganz besonders für mein ehemaliges Heimatdorf. So sammelte ich Unterlagen in alten Schriften und Zeitungen, wühlte in Chroniken, las die Geschichten der ehemaligen Vereine, blätterte im Kirchenbuch und sprach mit den ältesten Einwohnern, um so viel wie möglich zu erfahren. Einiges schrieb ich auch auf, was in meiner Familie und bei den Nachbarsleuten geschah und erzählt wurde. Weil ich das so erworbene Wissen nicht für mich behalten wollte, entstand nach und nach dieses Heft, von dem manches schon in verschiedenen Zeitungen gedruckt wurde. Wenn ich den Rußdorfern mit diesem Heft eine Freude bereite, dann hat es voll und ganz seinen Sinn und Zweck erfüllt.
Rußdorf im Jahre 1997

Im Schlusswort des 2. Heftes schreibt Hans Lange:
Es gibt sehr viel über Rußdorf zu berichten. Ich stellte das Heft so zusammen, dass es den Wünschen mancher Leser entspricht. Man könnte noch umfangreicher berichten. Ich glaube für jeden Geschmack etwas gebracht zu haben. Möge das Geschriebene gut ankommen.
Das wünscht Hans Lange

Viele dieser Berichte, Zahlen und Geschichten sind so interessant, dass sie vielleicht auch für manchen Bräunsdorfer, Kändleraner, Kaufunger, Limbacher, Oberfrohnaer, Pleißaer und Wolkenburger Bürger lesenswert sein könnten. Hans Lange stellt auch so manche, der Rußdorfer Originale vor. Es ist einfach köstlich und amüsant, diese einmaligen Personen kennen zu lernen. Seien Sie gespannt auf die zukünftig im „Stadtspiegel“ veröffentlichen Auszüge aus diesen beiden Heften.

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen, als ehemaliger Rußdorfer
Manfred Keller

Die Rußdorfer Zollstation
Mitten in Rußdorf, jetzt Limbach-Oberfrohna, Waldenburger Straße 135, befindet sich ein Altbau, heute ziemlich abgewirtschaftet, einst Stelzmanns Restaurant. (Anmerkung der Redaktion: Heute steht an der Stelle der Neubau Autohaus Schmidt und ein Schlagbaum erinnert an die ehemalige Zollstation an der Stelle.) Wenn der Herzog von Altenburg in längst vergangenen Zeiten seine Enklave Rußdorf, mitten im Sachsenland gelegen, besuchte, stieg er meist bei Stelzmanns ab, um einen Begrüßungstrunk zu sich zu nehmen. Die Rußdorfer jubelten ihm dann zu, meist war an diesem Tag schulfrei. Das ist Rußdorfer Geschichte.
Dass der Herzog gerade bei Stelzmanns abstieg, hatte natürlich seinen Grund. Hier war nämlich die Zolleinnahme. Alle Fremden, die mit ihrem Fuhrwerk durch Rußdorf fuhren, mussten hier ihr Scherflein, wenn es auch nur wenige Pfennige waren, entrichten. Das östlichste Fenster im Erdgeschoss war deshalb zum Schieben eingerichtet. Es wurde ein löffelartiger Holzgegenstand herausgestreckt und so der Zoll kassiert. Die Einnahmen mögen recht mager gewesen sein. Jedenfalls wurde nach dem ersten Weltkrieg auf diesen Zoll verzichtet.
Am 2. April 1928, 20 Uhr fand bei Stelzmanns eine wichtige öffentliche Gemeinderatssitzung statt, auf der die Übernahme der Gemeinde Rußdorf durch den Verband des Freistaates Sachsen getätigt wurde. Neben dem Gemeinderat waren dazu der Landrat von Altenburg und der Kreishauptmann von Chemnitz anwesend. Durch den Staatsvertrag vom 7. Dezember 1927 wurde Rußdorf an den Freistaat Sachsen abgetreten. Dabei wurde Rußdorf als ein ruhiger Ort mit guter Industrie dargestellt (Anmerkung der Redaktion: siehe auch Überblick im Anschluss). Weiter wurde erklärt, dass die Abtretung durch einen Gebietsaustausch ermöglicht wurde. Der Gegenwert war die Gemeinde Liebschwitz und Umgebung. Aus verwaltungstechnischen Gründen kam schließlich der Austausch auf Antrag des Gemeinderats zustande. So wurden aus den Thüringer Rußdorfern über Nacht Sachsen. Rußdorf war am 15. Januar 1457 durch die Schuldenwirtschaft eines Ritters von Einsiedel an das Domkapitel des Georgenstifts Altenburg übereignet worden. In der Folgezeit wurden in Rußdorf sogenannte Lehengerichte abgehalten, in denen alles geklärt wurde. Sogar Todesstrafen konnten gefällt und vollstreckt werden. Durch die spätere Industrialisierung brachte die weitentfernte Kreisstadt Altenburg viele Erschwernisse mit sich. Wenn beispielsweise in der Inflationszeit das Geld aus Altenburg erst verspätet eintraf, war es nichts mehr wert.
Ein Herr Trinks betonte bei der Übergabe, dass für die Arbeiterschaft weder etwas gewonnen noch verloren würde. Sinnvoll sei es, mit den Nachbargemeinden besser zusammenzuarbeiten und vielleicht zur Bildung einer Großgemeinde zu kommen. Wenn man so will, könnte man dieses Wort, 1928 gesprochen, als Basis für den späteren Zusammenschluss Limbach – Oberfrohna – Rußdorf nehmen, der am 1. Juli 1950 vollzogen wurde. Da hat erwähnter Herr Trinks auch mitgewirkt.

In den 1930er Jahren gab es in Rußdorf:
46 landwirtschaftliche Betriebe, 8 Handschuhfabriken, 4 Strumpffabriken, 5 Maschinenfabriken, 13 Trikotagenfabriken, 5 Spulereien, 3 Nadelrichter, 2 Schlossereien, 10 Bäckereien, 7 Fleischereien, 4 Hausschlächter, 15 Gastwirtschaften, 26 Lebensmittelgeschäfte, 6 Friseure, 5 Maler, 17 Schneider, 10 Schuhmacher, 7 Tischler, 3 Sattler, 2 Schmiede, 10 Schnittwarengeschäfte, 4 Klempner, 1 Bürstenmacher, 1 Brunnenbauer, 1 Senffabrik, 3 Radiogeschäfte, Ärzte, Zahnärzte, Apotheke, Glasmaler, Geigenvirtuosen, Kunstmaler, Puppenspieler, viel ambulantes Gewerbe und und und.
Rußdorf hatte damals etwa 4.000 Einwohner.

veröffentlicht am 14. April 2016

 
 

Die Firma Hermann Dittrich – Oberfrohna in Sachsen
Marvin Müller


Hermann Dittrich, so hieß die ehemalige Weltfirma auf der Hauptstraße 2 (heute Fronbachstraße 2) in Oberfrohna. Mit ihrem Kürzel „Hedi“ eroberten sie den Weltmarkt für Handschuhe. Hedi, das stand für Qualität und Wertarbeit! Die Firma trug neben vielen anderen zum einstigen Ruhm von Oberfrohna bei. So unterstützte sie zum Beispiel den Bau des Jahnhauses und stiftete eines der fünf Fenster für die Aula der Gerhart-Hauptmann-Schule.
Gegründet wurde die baldige Weltfirma am 1. April 1855. Die Firmengründer Hermann Dittrich und Laura Dittrich geb. Gränz erwarben für 100 Heiratstaler zwei Handwirkstühle um den Handschuhstoff herstellen zu können. Untergebracht wurden diese in den Anfangsjahren in bescheidenen Räumen im alten Gut Gränz. Schon bald wurden die Handschuhe weit über die Grenzen der Heimat hinaus bekannt. Nun wurden die Räumlichkeiten im alten Gut bald zu bescheiden, also erwarb der „alte Hermann“ ein eigenes Grundstück. Dies diente als Wohn- und Fabrikationsgebäude. Am 22. Juli 1887 übergab Hermann Dittrich das noch junge Unternehmen an seine drei Söhne Robert, Karl und Ernst. Diese verstanden es, das Unternehmen voran zu bringen, und so konnte der Gebäudekomplex mehrfach erweitert werden. Schon 1891 konnte man eine moderne Kesselanlage mit Dampfmaschine erwerben. Selbstverständlich wurde auch der Maschinenpark immer auf den neusten Stand gebracht.
Nach dem Tod von Karl Dittrich trat der Sohn von Robert Dittrich in das Unternehmen ein. Otto Dittrich konnte viele Erfahrungen aus London und Paris mitbringen. Ihm ist es zu verdanken, dass die Firma Hermann Dittrich ihre Exportverbindungen bald erweitern konnte. Wegen einer Krankheit seines Vaters musste er bald den gesamten Betrieb übernehmen. Unterstützt wurde er bei dieser schweren Arbeit von seinem Bruder Max Dittrich. Mit dem Einsatz des Doppelstuhles wuchsen die Exportverbindungen weiter an, somit musste auch das Betriebsgebäude erweitert werden. Nach dem ersten Weltkrieg kam der Betrieb kurzzeitig zum Erliegen, denn es mangelte an Rohstoffen und Absatz für die Handschuhe. Auch die Inflationsjahre brachten viele Schwierigkeiten mit sich. Man versuchte vergebens die alten umfangreichen Exportverbindungen wieder aufzubauen. Nun gab es aber noch die bevorzugte kunstseidene Damenwäsche. Die Fabrikanten beschlossen, diese in die Produktion aufzunehmen. Diese Abteilung wurde bald die größte im gesamten Betrieb. Es erfolgten weitere Ergänzungen der Fabrikation durch Blusen und Wirkstoffe für Trikotagen. 1924 erwarb die Firma Hermann Dittrich ein naheliegendes Gebäude. 1939 erfolgte ein weiterer Anbau des Fabrikationsgebäudes. Es entstanden: ein Luftschutzbunker, ein Eingangstor mit zwei Figuren des Bildhauers Heinrich Brenner aus Chemnitz. Die linke Figur zeigt einen männlichen Zuschneider und die rechte eine stoffabrollende Frau. Über ihr, stand einst der Schriftzug „Hedi“. Außerdem entstanden drei erweiterte Fabrikationsräume und ein Festsaal mit Bühne direkt unter dem Dach.

Der zweite Weltkrieg führte zur Beschränkung der Fabrikationsmöglichkeiten. Durch die verlorengegangenen Exportverbindungen kam die Stoffhandschuhherstellung fast völlig zum Erliegen. Die Herstellung von Damenwäsche und Blusen konnte im geringeren Maße aufrechterhalten werden. 1944 stand der Betrieb sogar kurzzeitig ganz still. Doch 1945 konnte die Produktion wieder fortgesetzt werden. 1950 wurde die Leitung des Betriebes Gerhard Kuhn in die Hände gelegt. Gleichzeitig wurde Hans Hermann Dittrich, der Sohn von Max Dittrich, Leiter der Abteilung für Stoffherstellung. Durch die Leipziger Mustermesse gelang dem Betrieb die Wiederherstellung von Exportverbindungen. Diese neuen Verbindungen waren natürlich viel geringer als die beispielsweise vor dem zweiten Weltkrieg. Anfang 1954 verstarb Max Dittrich. Trotz seiner schweren Krankheit war er bis zum letzten Tag im Betrieb tätig. Ab 1954 wurde der Betrieb zur Hermann Dittrich KG.
1972 wurde der Betrieb zwangsverstaatlicht und nannte sich ab jetzt VEB Wirkmode, Werk 1. Mit der Zwangsverstaatlichung wurde auch der bildschöne Schriftzug „Hedi“ über dem Eingangstor der Firma Hermann Dittrich zerstört. Er wurde durch ein primitives Plastikschild ersetzt.
1989 wurde der VEB Betrieb in eine GmbH umgewandelt. Ab jetzt wurde unter dem Namen „Hedi Maschenmode GmbH“ produziert. Das Ganze ging bis 1995. Der ehemalige Chef dieser GmbH, Herr Baier, sagte: „Wir haben einfach aufgehört zu produzieren, denn der Absatz wurde immer geringer.“ Somit schloss Hermann Dittrich 1995 nach 140 Jahren endgültig seine Pforten.

Liebe Leserinnen und Leser,
Zur weiteren Erforschung der Firmengeschichte von Hermann Dittrich suchen wir weitere Unterlagen, Fotos und so weiter. Wenn Sie etwas derartiges besitzen, melden Sie sich bitte beim Förderverein Esche-Museum e.V.
Marvin Müller

Marvin Müller, 15 Jahre alt, ist das jüngste Mitglied des Fördervereins Esche-Museum e.V. Wir freuen uns sehr, dass er sich so engagiert und aktiv mit der Geschichte unserer Stadt
auseinandersetzt. Die vorliegende Firmengeschichte ist seine erste selbständige Arbeit auf diesem Gebiet.
Förderverein Esche-Museum e.V.

veröffentlicht am 17. März 2016

 
 

Bruno Granz (1880 -1937) - ein Limbacher Kommunistenführer
Dr. H. Schnurrbusch - aus dem Heft „Personen und Persönlichkeiten“ © 2006,2016
Die Hefte zur Heimatgeschichte vertreibt die Buchhandlung am Johannisplatz 3
.

„Der Kommunismus war die einzige Bewegung der jüngeren Geschichte, die mehr ihrer eigenen Führer, Funktionäre und Mitglieder selbst umgebracht hat, als das ihre Feinde taten.“ (Hermann Weber)

Bruno Granz spielte als Vorsitzender der Limbacher KPD, als Stadtverordneter und als Mitglied des Sächsischen Landtages in der politischen Landschaft von Limbach und der umgebenden Region zwischen 1910 und 1933 eine bedeutende Rolle.
Geboren ist er am 6. Dezember 1880 in Callenberg bei Waldenburg. Er lernte Bäcker und trat im Jahre 1900 dem Verband der Bäcker Deutschlands bei. In den Jahren 1902 und 1903 arbeitete er in England und kam dort als Mitglied des „Communistischen Arbeiterbildungsvereins“ in Kontakt mit den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels. Beide kommunistischen Gründerväter hatten noch einige Jahre zuvor in London gelebt, Marx bis 1870, Engels bis 1895. Ihre sozialkritischen und materialistisch-philosophischen Schriften begründeten die Theorie des sogenannten „wissenschaftlichen Sozialismus“, der den Zusammenbruch des Kapitalismus prophezeite und über die Phase einer Diktatur des Proletariats den Übergang zu einer weltweit klassen-, staaten- und geldlosen Gesellschaft als gesetzmäßige Entwicklung verkündigte. Das waren nun die Ziele, deren Bewerkstelligung sich der junge Granz als Lebensinhalt auf die rote Fahne schrieb.
Nach Deutschland zurückgekehrt, trat er 1906 der Sozialdemokratischen Partei August Bebels bei und wohnte zunächst als Fabrikarbeiter in Chemnitz. Nach Limbach kam er 1910, die Konsumgesellschaft hatte ihn als Backmeister gewählt. Die „Limbacher-Aktien-Konsum-Gesellschaft“ war im Gasthaus „Stadt Wien“ am 23.10.1887 anstelle eines älteren „Allgemeinen Konsumvereins“ von 1862 gegründet worden. „Der Konsum“, wie er in Limbach hieß, hatte 1908 eine Bäckerei (Moritzstraße 15) errichten lassen. Die Aktiengesellschaft wurde 1918 zur Genossenschaft und verstand sich als Kampforganisation „zur Befreiung der Arbeiterklasse von kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung“. Hier begann Granz eine Tätigkeit, die dem Raum Limbach den Ruf einer „Hochburg der Roten“ in Sachsen eintrug. Er fühlte sich zum Revolutionär berufen.
Zu einer Bezirksversammlung der SPD am 10. Februar 1915 in Chemnitz befanden sich Granz und das damalige Limbacher SPD-Vorstandsmitglied Gustav Semmler in lebhafter Opposition zur Meinung des SPD-Parteiblattes „Volksstimme“. Dies hatte die Zustimmung der SPD-Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten (mit der Gegenstimme Karl Liebknechts) im Reichstag am 4.8.1914 gut geheißen. Hier kündigt sich schon die Spaltung in der SPD an, mit der sich später die Kriegsgegner zum Spartakusbund und zur USPD formierten.
Folgerichtig gehörte Bruno Granz 1917 zu den Aktivisten der Spartakusgruppe im Raum Limbach, er gründete mit Valeska Meinig und Gustav Semmler die USPD und wurde ihr Vorsitzender. In dieser Eigenschaft arbeitete er mit Fritz Heckert zusammen, dem Leiter der Spartakusgruppe in Chemnitz. Fritz Heckert (1884-1936), Mitbegründer des Spartakusbundes und der KPD, 1920 Mitglied des ZK der KPD, Stalinist im Führungskreis Thälmanns, starb 1936 in Moskau (vor den „Säuberungen“). Das Jahr 1918 brachte mit dem Ende des Weltkrieges auch die Novemberrevolution. Am 12. November „fand die öffentliche Verkündung der revolutionären Neuordnung in Staat und Gemeinde“ statt (Allgemeiner Anzeiger Oberfrohna). Eine Demonstration zog vom Hotel „Johannesbad“ zum Ludwigsplatz, dort wurden die Namen des Arbeiter- und Soldatenrates bekannt gegeben, „dem alle öffentlichen und behördlichen Institutionen unterstehen“. als Vorsitzende Bruno Granz und Ewald Glombitza (Kändler), zu weiteren Mitgliedern gehörte Valeska Meinig. Der Arbeiter- und Soldatenrat (Büro Moritzstraße 15) setzte die Amtsenthebung der unbesoldeten Stadträte durch und übte bis zum 15. Dezember die Polizeigewalt aus. Limbach wurde zur Garnison erklärt und Granz zum Garnisonsältesten. Sein Befehl Nr. 1 verbot das Tragen militärischer Abzeichen und den Handel mit militärischen Ausrüstungen.
Bei der Limbacher Stadtverordnetenwahl am 10. Februar 1919 erhielt die USPD 10 Sitze, die „Bürgerlichen“ 9 und die (Mehrheits-) SPD 8 Mandate. Bruno Granz wurde als Stadtverordneter (bis 1933) gewählt und zum ersten Mal in Limbach auch eine Frau, Granzens Freundin Valeska Meinig. Im März 1919 gründete sich aus der USPD eine KPD-Ortsgruppe (Granz, Meinig). 1920 wurde bei dem sog. Kapp-Putsch am 13. März der Generalstreik ausgerufen und ein Aktionsausschuss (Granz, Meinig, Heim u.a.) „übernahm die politische Macht“. Bewaffnete Arbeiter besetzten alle öffentlichen Gebäude und übten zwei Tage lang die Polizeigewalt aus. Der Putsch brach bald zusammen. Im Jahre 1920 ließ die Stadt Limbach auch Notgeld drucken, auf den 20-Mark-Gutscheinen unterschrieben der Bürgermeister Dr. Kretzschmar und für den „Vollzugsrat“ Bruno Granz, weswegen die Scheine im Volksmund auch „Granzgeld“ oder „Kommunistengeld“ hießen. 1922 bis 1923 vertrat Granz die KPD im Sächsischen Landtag. Als 1923 die Reichswehr Limbach besetzte und Kommunisten wie Sozialdemokraten im Hotel „Hirsch“ verhörte, misshandelte und einsperrte, wurde auch das Konsum-Gebäude durchsucht und nach Granz und Genossen gefahndet. Der war aber untergetaucht und konnte nicht gefasst werden.
1928 besuchte Granz mit einer Genossenschaftsdelegation die Sowjetunion. Seine Eindrücke vom Paradies der Werktätigen schrieb er in einer Broschüre nieder, in der u.a. steht. „Es geht vorwärts und aufwärts zu wahrer menschlicher Gemeinschaft in der Sowjetunion.“ Unter der Leitung von Granz wurde aus dem Konsumverein ein „Zentrum des Klassenkampfes“ der KPD. 1932 heißt es in einem Aufruf an die Genossenschaftsmitglieder: „Für ein freies sozialistisches Rätedeutschland im Bündnis mit der Sowjetunion und dem Weltproletariat“ (Mitteilungsblatt der Konsum-, Produktiv- und Spargenossenschaft für Limbach und Umgegend e.G.m.b.H. März 1932, Nr. 1.) Granz forderte am 20.11.1932: „Die Hauptaufgabe der Konsumgenossenschaften muss sein, den revolutionären Befreiungskampf ... zu unterstützen und sich in den Gesamtkampf des Proletariats zur Überwindung des Kapitalismus einzugliedern ...“
Das Hauptgebäude des „Konsum“ wurde so als Sitz der Limbacher KPD auch Hauptquartier bei den Straßenkämpfen mit den Nationalsozialisten. Schon 1929 fand die Polizei Waffen und Munition in dem Gebäude und später „eignete es sich vorzüglich, Vorstöße über den Johannisplatz in die Helenenstraße zum Sitz der Nazis im ‚Deutschen Haus‘ (Nr. 19) zu unternehmen. Vom Konsumvereinsgebäude aus erfolgten die Kämpfe um die Eroberung der Straße...“ (R. Weber). Politische Auseinandersetzungen wurden nun mit Schlagstock, Messer und Revolver ausgetragen. Dementsprechend schlugen Kommunisten und Nazis sich wechselseitig die Köpfe blutig und die Fensterscheiben im „Deutschen Haus“ und im Konsumgebäude ein. Die „Eroberung der Straße“ forderte viele Verletzte, sogar Tote auf beiden Seiten, nicht nur Rudolf Marek oder Herbert Grobe. Durch seine Tätigkeit in der KPD, im Rot-Front-Kämpferbund, in der Roten Gewerkschaft, durch seine vielen öffentlichen Auftritte und seine Rolle in Straßenkämpfen wurde Granz als „Kommunistenhäuptling“ bald zum Feind Nummer Eins der Limbacher Nazis.
1933 emigrierte er in die Tschechoslowakei, von dort 1934 in die Sowjetunion, wohin 1927 sein Sohn Kurt ausgewandert war, der 1937 vom NKWD verhaftet und am 28.2.1938 erschossen wurde. Seinen anderen Sohn Herbert ermordeten die Nazis am 9. März 1933. Bruno Granz wurde am 3.11.1937 in Butowo vom NKWD im Zuge Stalinscher Säuberungen erschossen, in der 1936 bis 1938 nicht nur über eine Million sowjetischer und ausländischer Kommunisten ermordet wurden, sondern darüber hinaus breite Schichten der eigenen Bevölkerung. Von den 43 Mitgliedern und Kandidaten, die dem 1920 geschaffenen Politbüro (Polbüro) der KPD zwischen 1920 und 1933 angehörten, fielen mehr Personen den Stalinschen Mordaktionen zum Opfer als dem Terror Hitlers.
Granz suchte Schutz vor dem Naziterror und wurde Opfer seines bornierten Glaubens an eine verbrecherische Heilslehre, an einen Kommunismus, der, zur Staatsmacht geworden, Terror ausübte gegen das eigene Volk, mörderisch gegen ganze Klassen von Bourgeois, Kulaken usw., aber auch gegen die eigenen Funktionäre, die als Abweichler, Trotzkisten und Volksfeinde zu Tausenden vom NKWD (Vorbild der Stasi) erschossen wurden.

veröffentlicht am 03. März 2016 im Stadtspiegel

 
 

Die „Leipziger Baumwollweberei Wolkenburg“,
von 1943 bis 1945 eine Außenstelle des KZ Flossenbürg
Rolf Kirchner

Der Betrieb, der ab 1795 zunächst als Schafwollmaschinenspinnerei gegründet worden war, wurde im Jahre 1886 in eine Weberei umstrukturiert. Im Jahre 1963 erfolgte eine Umstellung auf die neue Malimo-Nähwirktechnik.
Auf Regierungsbeschluss vom 9. September 1943 musste die Baumwollweberei ihre Produktion einstellen. Der Betrieb wurde dem Reichsluftfahrtministerium unterstellt. Bis zum 13. April 1945 produzierte dort die Firma Opta Radio AG Leipzig kriegswichtige Teile für die Luftrüstung. Der Betrieb war 1923 von den Gebrüdern Sigmund und David Ludwig Loewe als „Radio Frequenz GmbH“ gegründet worden. Im Jahre 1933 emigrierten die Brüder Loewe aus Deutschland, da sie als Juden befürchten mussten inhaftiert und in ein KZ gebracht zu werden. Infolge der näher rückenden Front und der immer häufiger werdenden Luftangriffe verlagerte man die Produktion aus dem schlesischen Goldberg nach Wolkenburg, Wüstenbrand und Oberlungwitz. Als Arbeitskräfte verschaffte sich der Betrieb KZ-Häftlinge aus den KZ Flossenbürg, Bergen-Belsen, Ravensbrück und Auschwitz. Die ersten Häftlinge kamen per Eisenbahnwaggons an, später auch mit LKW. Die Fachleute der Opta wohnten in eiligst am Siedlerweg errichteten Barracken. Am oberen Teil des Weberberges errichtete man einen betonierten Luftschutzkeller. Die Arbeiterinnen, es waren ausnahmslos Frauen, arbeiteten und schliefen im Betrieb. Bei Luftangriffen fanden sie Schutz in einem unterirdischen Gang unter den Shedsaal der Weberei. Auch etwa 30 Frauen aus Wolkenburg arbeiteten im Rüstungsbetrieb. Zwischen jeweils zehn KZ-Häftlingen saß eine deutsche Frau, damit bei Störungen der Reparaturdienst gerufen werden konnte. Leiter des Betriebes war der SS-Oberschaarführer Wilhelm Brusch, für die Bewachung waren noch etwa 24 Aufseherinnen der SS tätig. Die Häftlinge arbeiteten gemeinsam mit den deutschen an einem „Fließband“ wie einer der Wolkenburger Frauen bei einem Interview mitteilte. Produziert wurden Teile für die Luftrüstung wie „Abhörgeräte“.
Die KZ-Häftlinge kamen aus neun Ländern. Sie kamen oft vollkommen entkräftet in Wolkenburg an, so dass insgesamt sieben Häftlinge während dieser Zeit starben: Johanna Anton, Ursula Bruschinsky, Wladislawa Prydzielsko, Jerowesa Warschinska, Erna Kreutz, Alma Morgenstern.
Am Morgen des 13. April, einem Freitag kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Wolkenburg wurde der Betrieb geräumt und die Häftlinge traten ihren Marsch in Richtung KZ-Dachau an. Es waren fast 400 Häftlinge. Wolkenburger Bürger, die diesen Abmarsch beobachteten, waren erstaunt über die große Anzahl der Häftlinge. Viele der Frauen starben auf diesem Marsch oder sollen erschossen worden sein.
Am 9. November 2000 wurde vor dem Gelände der ehemaligen Weberei ein Gedenkstein enthüllt, der an eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte erinnern soll. Dass Gewalt kein Mittel ist, Konflikte zu bewältigen, daran erinnerten aus Anlass der Enthüllung dieses Gedenksteines der damalige Oberbürgermeister von Limbach-Oberfrohna, Dr. Hans-Christian Rickauer, sowie der Wolkenburger Pfarrer Cornelius Epperlein.

veröffentlicht am 18. Februar 2016 im Stadtspiegel

 
 
Brä Festumzug Auszug der 800

Ein Beitrag zum „Auszug der Achthundert“ vor 176 Jahren
Hartmut Reinsberg

In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts gab es in unserer Region unter den evangelischen Christen große Differenzen in der Auslegung des Glaubens. Die offizielle Landeskirche war für eine liberalere Auslegung, was bei den bibelfesten Anhängern auf heftige Kritik stieß, so dass diese sich an den Dresdener Pfarrer Stefan orientierten, welcher eine Auswanderung nach Amerika plante. Man war der Auffassung, dass man in Amerika frei seinen Glauben ausüben könne. Die Schriftstellerin Ingerose Paust hat diese Geschehnisse literarisch aufgearbeitet und darüber einen historischen Roman „Auszug der Achthundert“ geschrieben. 1838/39 war es dann soweit, dass an die 800 Christen aus Sachsen unter Führung von Pfarrer Stefan von Bremerhaven aus mit fünf Segelschiffen die Überfahrt in die Südstaaten von Amerika wagten. Unter den Ausreisenden waren auch viele Familien aus Niederfrohna, Bräunsdorf und Langenchursdorf. Darunter war auch der aus Langenchursdorf stammende Bräunsdorfer Pfarrer Carl Ferdinand Wilhelm Walther. Pfarrer Walther fuhr mit dem Auswanderer-Schiff „Olbers“ bis in den Hafen von New Orleans und von dort dann weiter mit einem Flußschiff entlang des Mississippi bis in die Nähe von St. Louis in den Staat Missouri. Dort gründeten sie ihren „Gottesstaat“, wo sie niemand mehr wegen ihres Glaubens verfolgen konnte. Der Anfang war äußerst schwierig und forderte viele Opfer. Dazu kam, dass der Pfarrer Stefan die gemeinsame Kasse veruntreut hatte und verstoßen wurde. Nun übernahm der Pfarrer Walther die Verantwortung für die Auswanderer und gründete die noch heute bestehende Evangelische Missouri-Synode. Eine besondere Würdigung erfuhr er, indem man ihn als den Luther von Amerika bezeichnete.
Neben der Schriftstellerin Frau Paust haben noch einige Familien aus Niederfrohna und Rußdorf Kontakte mit den Nachfahren in den USA. Diese Kontakte werden durch gegenseitige Besuche wieder gepflegt und zu den Ortsjubiläen von Langenchursdorf und Niederfrohna kamen z B. Nachfahren der Aussiedler. Zum 6. Feldtag in Rußdorf teilte mir auch Herr Hecht mit, dass er erst kürzlich seine Vorfahren besucht habe. Auch nach Bräunsdorf kam 1993 ein vollbesetzter Reisebus mit Nachfahren, welche von unserer Kirchgemeinde unter Regie von Pfarrer Leonhardi mit Hingabe betreut wurde. Bei dieser Reisegruppe war auch ein Nachkomme von unserem ehemaligen Pfarrer C.F.W. Walther, Reverend Walther, dabei. Unsere Gäste haben sich vor allem im Kirchenarchiv für ihre Vorfahren interessiert. Nach der Suche von Sponsoren für unsere Evangelische Grundschule hatte ich mich auch an die heutigen Vertreter der Missouri-Synode gewandt, welche auf mein Ersuchen leider nicht reagierten. Ich selbst wollte vor ca. 20 Jahren mit dem damaligen Pfarrer Jung aus Niederfrohna mit mehreren Interessenten nach Amerika reisen. Leider zogen mehrere Teilnehmer ihre Reisezusage zurück, so dass wir die Reise absagen mussten. Besonders schön fand ich, dass zu den Ortsjubiläen von Langenchursdorf und Niederfrohna mehrere Nachfahren auf einer Nachbildung eines Auswanderer-Schiffes in historischen Kostümen dem Auszug der 800 dargestellt haben. Auch zu unserer 725 Jahr Feier gestaltete unsere Kirchgemeinde ein Bild mit dem Auszug der Achthundert. Der ehemalige Bürgermeister von Langenchursdorf Jürgen Lindner stellte uns sein Schiffsmodell zur Verfügung und wir konnten das Modell nach einen Umbau auf Pferdebespannung im Festumzug mitführen.

veröffentlicht am 21. Januar 2016 im Stadtspiegel

 
 
Anna Esche in Gläser Kutsche

Anna Esche 1824 -1920
Erste Ehrenbürgerin der Stadt Limbach
Dietrich Donner


Am 23.12.1824 wurde Anna Clauß in Chemnitz geboren, als Tochter von Henriette Sophie, geb. Rahlenbeck, und dem Gründer der Spinnerei in Flöha Peter Otto Clauß. Das Datum darf uns Anlass sein, sich wieder einmal in Erinnerung zu rufen, wer diese Frau war, zumal in Limbach-Oberfrohna sogar zwei Straßen ihren Namen tragen.
Am 18.10.1844 heiratete Anna Clauß den Limbacher Arzt Dr. Carl Julius Esche, der in vierter Generation von unserem Johann Esche abstammt, und der ab 1847 als Teilhaber in die Firma Moritz Samuel Esche eintrat, die er mit seinem Bruder Theodor gemeinsam führte. Das Ehepaar wohnte in der Villa am heutigen Anna-Esche-Gässchen.
Anna Esche zeichnete sich bis ins hohe Alter durch ein hohes soziales Engagement für die Armen Limbachs aus. Sie war Mitbegründerin und Vorsitzende des Albertzweigvereins Limbach, der armen Kranken Hilfe spendete. 1882 wurde in Limbach eine „Kinderbewahranstalt“ gegründet, in der die noch nicht schulpflichtigen Kinder von berufstätigen Frauen gegen geringes Entgelt ganztags betreut wurden. Frau Esche gehörte von Anfang an dem Vorstand dieser Einrichtung an und zählte zu den tatkräftigsten Förderern. Hatte sie bisher schon jährlich 600 Mark gespendet, stiftete sie im Jahr 1890 15.000 Mark von gesamt 18.000 für einen Neubau, der 1890 eingeweiht wurde. Diese Einrichtung war die erste Kindertagesstätte unserer Stadt und war mit großen Aufenthaltsräumen und Garten er¬staunlich modern. Sie bot 40 bis 60 Kindern Aufenthalt.
In der Inflation 1923 geriet diese Einrichtung in wirtschaftliche Schwierigkeiten, und die Firma Johannes Richter erwarb das Gebäude, ein rotes Backsteinhaus an der Südstraße.
Bis zur Wende wurde es genutzt. Viele Limbach-Oberfrohnaer erinnern sich noch, den Hort in diesem Gebäude besucht zu haben. Im Jahre 2004 stand es zwar noch, machte aber schon einen trostlosen Eindruck. Verblassend war auf einem Putzband sogar noch „Kinderbewahranstalt“ zu lesen. Inzwischen ist es abgerissen. Schade drum!
Anna Esche beteiligte sich noch an einer Reihe weiterer Schenkungen und Stiftungen für soziale Zwecke, z. B.: 1894 an der Geschwister-Esche-Stiftung mit 32.000 Mark. Sie wurde 1896 für ihr soziales Engagement zur ersten Ehrenbürgerin der Stadt Limbach ernannt, auch erhielt sie mehrere hohe Auszeichnungen. Sie starb im hohen Alter von 96 Jahren bis zuletzt geistig rege und hochgeehrt am 16. Februar 1920.
Ihr Wohnhaus, die Limbacher „Esche-Villa“ befindet sich noch immer im Anna-Esche-Gässchen, ist äußerlich nahezu unverändert und wird noch immer genutzt.

veröffentlicht am 17. Dezember 2015 im Stadtspiegel

 
 

Industriegeschichte im Blickwinkel einer Lesung in der Stadtbibliothek
Dr. Andreas Eichler


Irmgard Eberth und Klaus Dietz stellten ihre Beiträge in dem neu erschienen Band „Not macht erfinderisch. Zur Geschichte der Industrie in der Region Chemnitz-Zwickau. 1945 – 1990 – 2015“ kürzlich mehr als 30 Besuchern bei einer Lesung in der Stadtbibliothek vor. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Vorsitzenden des Heimatvereins Niederfrohna, Dr. Andreas Eichler, dem Herausgeber des Bandes. Er erinnerte zunächst daran, dass der Heimatvereins seit Anfang der 1990er Jahre regelmäßig Heimathistoriker zu Tagungen nach Niederfrohna einlädt. Seit 1995 wurden regelmäßig Dokumentationsbände dazu herausgegeben.

1945 wurden in Ostdeutschland zahlreiche Mittelständler mit der Begründung enteignet, „Nazi- und Kriegsverbrecher“ zu sein. 1946 wurde versucht, mit einem Volksentscheid dieses Vorgehen nachträglich zu legitimieren. Durch den Vorstoß der 3. US-Armee war in der Region am 14. April 1945 der Krieg beendet. Über Nacht mussten wieder Gebrauchsgegenstände produziert werden. Gerade in der Notsituation zeigte sich die mitteldeutsche Innovationsfähigkeit vielleicht am deutlichsten. Wie war das beim VEB Feinwäsche „Bruno Freitag“ und bei Hempel-Limbach-Radio (HELI Radio)? Irmard Eberth erklärte, dass die Firma Paul Stelzmann Wirkwaren AG 1945 mit der Begründung „Nazi- und Kriegsverbrecher“ enteignet wurde. Der Inhaber Paul Stelzmann wurde im Zuchthaus Bautzen inhaftiert, nach viereinhalb Jahren wegen guter Führung entlassen und in die Bundesrepublik abgeschoben. Paul Stelzmann war ein innovativer Unternehmer, der zahlreiche Patente innehatte. Bereits vor 1914 war er von der damals üblichen Handschuhproduktion zur Herstellung kunstseidener Unterwäsche übergegangen. Die Firma Stelzmann wurde als Volkseigener Betrieb (VEB) „Pastell“ weitergeführt, später in VEB Feinwäsche, dann in VEB Feinwäsche „Bruno Freitag“ umbenannt. Der Betrieb wurde mit seinen etwa 4000 Beschäftigten der größte Hersteller von Unter- und Nachtwäsche in der DDR. 1972 musste das Unternehmen eine größere Anzahl von enteigneten mittelständischen Betrieben aufnehmen. Die Zahl der Produktionsstätten stieg, auch im Zusammenhang mit Strukturveränderungen durch die „Kombinatsbildung“, auf über 1000 an. Die Wäscheproduktion für den Export erforderte modische Produkte in hoher Qualität. Ende der 1980er Jahre habe man die Gestattungsproduktion mit Schießer aufgenommen. 1990 hätten zahlreiche westdeutsche Unternehmen den VEB Feinwäsche übernehmen wollen. Den Zuschlag habe die Treuhandorganisation aber einem eher kleinen Unternehmen, dessen Inhaber auch als Immobilienhändler tätig war, gegeben. Mit diesem Unternehmen sei der VEB Feinwäsche, trotz voller Auftragsbücher und schwarzer Zahlen, in die Insolvenz gestrudelt, so Irmgard Eberth. Heute erinnern noch einige ehemalige Industriebauten an das Unternehmen.

Klaus Dietz erzählte, dass der Ingenieur Bodo Hempel am 25.7.1947 als Geschäftsführer in das „Labor für Hochfrequenztechnik« in Oberfrohna eintrat. Am 1. April 1950 habe er eine eigene Rundfunkgerätebau-Firma gegründet. In dieser Zeit existierte in Limbach ein „Wehrmachtselektronik Sichtungs- und Zerlegewerk“. Von dort stammten die Einzelteile, die Bodo Hempel und seine Kollegen in den Anfangsjahren zu traditionellen Radios umbauten. Es war im Grunde eine Konversion von der Rüstungs- zur Gebrauchsgüterproduktion. Das Unternehmen hatte in seiner größten Ausdehnung etwa 100 Mitarbeiter und entwickelte neben Radios auch Studio- und Aufnahmetechnik. Bodo Hempel habe die Firma geführt, wie ein Vater die Familie, sagte Klaus Dietz. Hohe Anforderungen an seine Mitarbeiter seien mit Fürsorge verbunden gewesen. Bodo Hempel selbst sei den Mitarbeitern auch ein Vorbild im Arbeitseinsatz gewesen. In Erinnerungen seien ihm legendäre Feiern der Belegschaft und gemeinsame Urlaubsreisen. Einmal habe Bodo Hempel einen ganzen Express-Zug für die Firma gemietet. Hempel habe ihn schon als Lehrling zu innovativen Ideen angeregt und als späteren Leiter der Entwicklungsabteilung freie Hand gelassen. So habe man Schritt für Schritt die innere Struktur von Radiogeräten verändert und den neuen Nutzererwartungen angepasst, zum Beispiel Anschlussbuchsen für Zusatzgeräte an die Vorderfront gelegt und ähnliches. Zur Leipziger Messe 1960 sprachen zwei junge Absolventen der Kunsthochschule Weißensee bei Hempel vor: Lutz Rudolph und Carl Clauss Dietel. Mit beiden ergab sich eine jahrelange fruchtbare Zusammenarbeit. Das Logo der Firma wurde neu gestaltet und die Schritt für Schritt entwickelten die beiden Designer mit den neuen Rundfunkgeräten eine eigene Formensprache und einen Programmcharakter, so dass die kleine Firma HELIRADIO zu einem Geheimtipp unter Kennern und internationalem Trendsetter wurde. 1972 wurde aber auch dieses Unternehmen enteignet und in Kombinatsstrukturen eingeordnet. Bodo Hempel wurde krank und schied aus dem Unternehmen aus. 1990 mobilisierte Bodo Hempel noch einmal seine Energie für einen Neustart. Doch dieses Mal machte ihm die Gesundheit die Hoffnung zunichte. Er verstarb völlig unerwartet. Nach seinem Tod scheiterten alle Bemühungen zum Neustart des kleinen Nischenproduzenten. Das Unternehmen ging in die Insolvenz.

veröffentlicht am 03. Dezember 2015 im Stadtspiegel

 
 

In der ersten „Post“ Limbachs
(entnommen aus Mitteilungen des Fördervereins Esche-Museum e.V., Nr. 11)


Zu den vielen „Schätzen“, die interessierte Bürger für den Sammlungsbestand im Esche-Museum abgeben, gehört auch ein Sonderdruck, den Familie Kaufmann aus Düsseldorf brachte. Der Sonderdruck enthält neben Aufsätzen von Paul Fritzsching eine kleine, namentlich nicht gekennzeichnete, Szene über die erste „Poststation" in Limbach. Sie ist hier - nur leicht gekürzt - wiedergegeben.

„Adolf! - Adolf! - Wo nur der Saujunge wieder mal steckt,“ brummte der Strumpfwirkermeister Zwingenberg. ...Endlich antwortete es aus dem Schuppen „Ja!“. „Biste schon wieder bei den Karnickeln? - Hier, schaff‘ schnell den Brief zu Börngens! Aber halt‘ch unterwegs gar nich‘' auf; ‚s geht schon uff zwee und fort muß‘r heute noch. Hier is‘ e „Viergroschenstück"! 1) Verlier‘s nich‘! Kriegst Geld wieder!"
Adolf sauste fort. Der Vater schaute ihm nach, bis der Junge ein Stück weiter unten um die Ecke bog.... Gleich am Eingange zum „Dorfe" stand an einem überengen Gässchen ein kleines, schieferbeschlagenes und schiefergedecktes Häusel. Es war kein Neuling. Man sah es ihm außen und innen an. Das gehörte dem Sattlermeister Börngen, einem klugen und geachteten Manne im Dorfe. Er war bei der Einrichtung einer Poststelle in Limbach zum „Postmeister" gewählt worden, und sein Häuschen war demnach das erste hiesige „Postamt". 2)
Als Adolf zum Häuschen kam, war es kurz vor 2 Uhr nachmittags. Meister Börngen stand unter der Haustür und lugte umher, ob noch jemand was brächte. Er füllte mit seinem kräftigen Körper die ganze Türöffnung aus. Durch die grüne, hinten mit einer blanken Messingkette zusammengehaltene Latzschürze und mit seinem Käppchen auf dem Kopfe machte er auf alle einen höchst würdigen Eindruck. Über die Brille hinweg sah er den Adolf mit dem Brief in der Hand angepustet kommen. „Bringst noch was, Kleenes? ‘s wird Zeit! Bald wird der Briefträger abrücken.“ Adolf war etwas bestürzt über den Empfang. Schweigend forte er dem Meister in die Wohnstube.
Am Tische in der Mitte der kleinen, niedrigen Stube saß auch schon der Briefträger. Der Mann in dem zitronengelben Rock mit den „goldenen“ Knöpfen und in den hohen Kanonenstiefeln machte einen so packenden Eindruck auf Adolf, dass er seine gestrickte Mütze abzunehmen vergaß. „Nu, hast wohl Stare unter deiner Mütze?“, wurde er vom Meister Börngen angeniest. Gib deinen Brief her!“ Adolf reichte ihm seinen Brief und das „Viergroschenstück“. Meister Börngen trug die Anschrift des Briefes in das Amtsbuch ein und legte ihn zu den anderen in den Tischkasten. Im Glasschranke auf der Kommode zog er ein Kästchen, warf das „Viergroschenstück“ hinein und gab Adolf vier Neugroschen zurück. Adolf gesellte sich zaghaft zu Karl, Börngens Jungen, der am Fenster saß und an einem Riemen für seinen Vater nähte. Es trieb ihn mehr die Neugierde als die Freundschaft zu Karl.
Zwei Uhr war es jetzt. Meister Börngen nahm alle Briefe aus dem Tischkasten, verglich ihre Zahl und Anschriften mit seinen Angaben im Amtsbuche und packte sie dann alle in die Ledertasche des Postboten. Der hing diese auf die Schulter, setzte die hohe, oben etwas nach vorn gezogene, gelbe Mütze auf, nahm den festen Knotenstock zur Hand und rückte unter Gruß wohlgemut ab. Meister Börngen begab sich in seine Werkstatt. Das „Postamt“ war geschlossen bis 10 Uhr vormittags des anderen Tages. Adolf eilte nach Hause, lieferte die zurückerhaltenen vier Neugroschen ab und erfuhr nun noch vom Vater, dass der Briefträger die Briefe nach dem Postamte in Chemnitz trage und heute Abend die neuen für Limbach und Umgegend mitbringe. Diese müsse er am folgenden Tage austragen.
1) Das Viergroschenstück galt 4 alte „gute" Groschen zu je 12 '/2 Pfennig, später 5 Neugroschen zu je 10 Pfennig.
2) 2) bis 1850

veröffentlicht am 19. November 2015 im Stadtspiegel

 
 
Bleichdorf Bräunsdorf

Bleichdorf Bräunsdorf
Text und Grafik: Siegfried Frenzel

Wie wir Bräunsdorfer in diesem Jahr unser Heimatfest feiern, ist wohl in gleich mehrfacher Weise ungewöhnlich. Einmal feiern wir, wie das Programm zeigt, über das ganze Jahr hindurch verteilt und zum anderen machten wir einen historischen Umzug, der nicht wie gewöhnlich sonntags, sondern sonnabends, stattfand und außerdem aus dem Rahmen fallend mit der beginnenden Industrialisierung endete. Die Feierlichkeiten gingen dann am Sonntag weiter und die nächsten Veranstaltung „Dorfmeisterschaften Badminton“ am 19. September sowie das „Oberdorffest“ am 10. Oktober sind bereits Geschichte.

Der 725 Jahre urkundlicher Ersterwähnung gedenken wir. Die Besiedelung begann jedoch mindestens 100 Jahre früher. In der Geschichte fiel unser Dorf dadurch auf, dass es in alten Zeiten eine ganz andere Entwicklung als in den umliegenden Dörfern nahm. Man begann nämlich im großen Stil die „Rasenbleicherei“ zu betreiben. Neben der Landwirtschaft, die auch heute noch das Rückgrat der Gemeinde bildet, hat über Jahrhunderte die Bleicherei das Dorf zur Blüte gebracht. Was versteht man unter „Bleichen“? Wenn die Leinwand vom Webstuhl kommt, hat sie einen unansehnlichen grau-grünen Farbton. Deshalb bedienten sich unsere Vorfahren eben dieser so genannten „Rasenbleiche“. Man legt die Leinwandstücke auf die Wiese zur „Bleiche“, benetzt sie mit Wasser und lässt Sonne und Luft einwirken, die als Bleichmittel wirken. Diesen Vorgang betreibt man so lange, bis der gewünschte Weißgrad erreicht ist. Übrigens, unsere Großeltern machten das seinerzeit noch bei jeder großen Wäsche zu Hause.
Der Bleichbetrieb bot sich für unser Dorf an, weil die günstige Bewässerung durch den Dorfbach und unzähligen Quellen auf den weiten Talwiesen des hügeligen Umlandes dafür ideal war. Die Schönburgische Herrschaft, zu der Bräunsdorf damals gehörte, hatte nämlich unserem Dorf das Privileg zum Bleichen von Leinewand nach 1500 gegeben. Das in der Fernhandelsstadt Chemnitz schon viel früher bestehende Bleichprivileg der sächsischen Fürsten galt wegen der großen Entfernung für unser Dorf nicht. Es besagte, dass das Bleichen im Umkreis von 10 Meilen (etwa 15 Kilometer) verboten ist.
Bei der Herausbildung von Berufen in dieser Zeit wurden also die Bauern bei uns nebenberuflich zu „Leinwandbleichern“. Wiesen wurden vermehrt zum Bleichen genutzt. Das Gewerbe ging gut. Aber dann kamen die großen Kriege – der Dreißigjährige (1618-1648) und der Siebenjährige (1756-1763). Das brachte gewaltige Rückschläge. Ein wirtschaftlicher Aufschwung danach führte die Bleicherei zur Hochkonjunktur, denn will man den Aufzeichnungen des Pfarrers Brückner in der alten Kirchengalerie Glauben schenken, dann muss die Größe des Bleichbetriebes im Ort gigantisch gewesen sein.
Aus den umliegenden Dörfern brachten die Leute das Bleichgut nach Bräunsdorf. Brückner schreibt, dass „während des Sommers fast alle Plätze längs des Dorfbaches mit Leinwand belegt seien und es wurden wohl über 2000 Schock derselben hier gebleicht“. Nach einer Hochrechnung wären das auf zwei Kilometer links und rechts des Baches je 25 Meter Leinwandstücke! Das war wohl doch etwas übertrieben?
Dennoch war der Bleichbetrieb so groß geworden, das viele Bauern den Anbau von Getreide auf Flachs umstellten und viele wurden sogar zu „Leinwandhändlern“. Um noch mehr Flächen zum Bleichen nutzen zu können, legten unsere Vorfahren künstliche Bewässerungsgräben an, die teilweise heute noch im Dorf zu sehen sind. So entstanden vor allem im Oberdorf große Bleichen, wie die von Bretschneiders und Börnigs.

Unsere Vorfahren bleichten aber nicht nur, sondern sie betrieben ja die gesamte „Flachsaufbereitung“ bis zur versponnenen Faser und darüber hinaus wuschen, stärkten, glätteten, rauten, färbten, sanforisierten, maßen und legten sie die Leinwand. Sie machten praktisch die gesamte „Textilveredelung“ (Appretur, auch Ausrüstung genannt).
Die Aufbereitung des Flachses zur Faser und die Veredelung des Rohleinens, waren die Besonderheit, die Bräunsdorf in der Entwicklung der Gewerbe seit dem Dreißigjährigen Krieg von den umliegenden Ortschaften unterschied und ihm letztlich den Beinamen „Bleichdorf“ gab. Denn gesponnen und gewebt wurde in allen umliegenden Orten, kaum aber aufbereitet und veredelt. Man könnte fast behaupten, dass in Bräunsdorf die Wiege der Veredelung textiler Rohstoffe stand!
Erst als sich im 19. Jahrhundert immer mehr die Baumwolle als neuer Rohstoff dem Leinen gegenüber durchsetzte, ging das Bleichen im Ort mehr und mehr zurück. Insgesamt konnten durch meine Nachforschungen 14 Bleichen dokumentiert werden. Das war eine große Zeit im Wirken unserer Vorfahren. Damit waren sie Wegbereiter für die späteren Färbereien in Limbach-Oberfrohna. Wir können stolz auf sie sein!
Wer mehr über die Bleicherei und überhaupt über unser Dorf wissen will, dem empfehle ich mein Buch: „Bräunsdorfer Geschichten und Geschichte“.

veröffentlicht am 22. Oktober 2015

 
 

Oberfrohna
Dr. Hermann Schnurrbusch
Seine Hefte zur Heimatgeschichte vertreibt die Buchhandlung am Johannisplatz 3


Oberfrohna hat eine lange Geschichte - einst blühende Stadt, jetzt verfallender Orts-teil von Limbach-Oberfrohna.
Im 12. Jahrhundert gegründet, kommt ein Ritter de frone als Zeuge auf einer Urkunde schon 1236 vor. Der Name des Ortes wird im Lauf der Geschichte verschieden geschrie-ben, wie vrone, fronaw, cuerchfrone, twerichfrone, Oberfrohne. Das Waldhufendorf, dem man seine Herkunft heute noch im Flurplan ansieht, bleibt in Einwohnerzahl und Struktur lange Jahrhunderte unbedeutend wie seine "Geschwister" Mittel- und Nie-derfrohna. 1941 bezeichnet die Chemnitzer Tageszeitung den Ort als die „blühendste der Frohnen“. Die Einwohner leben von der Landwirtschaft, als Nebenerwerb wird die Tuchweberei betrieben. Drei Mühlen werden erwähnt. 1585 erwirbt die im Rittergut Limbach sitzende Familie Schönberg Oberfrohna. Auf der Gesamtfläche des Dorfes von ca. 400 Hektar gibt es ziemlich konstant über die Jahrhunderte etwa 18 Gehöfte, 15 Häuschen mit Garten und 50 weitere Häuschen und nicht mehr als 150 - 200 Einwohner. Einzelne Namen des 16. Jahrhunderts sind heute noch nachweisbar: Semmler, Lindner, Geißler, Landgraf, Pfau, Kühn oder Esche. 1885 zählt man schon über 600 Haushaltungen, 234 Häuser und 2.398 Einwohner. Im 18. Jahrhundert hatte durch den Nachbau eines Handwirkstuhles durch Johann Esche die Strumpfwirkerei Einzug gehalten. Der große Sprung in der Entwicklung zum Industriedorf geschieht aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Handschuhfertigung. In wenigen Jahrzehnten ändert sich das Bild des Dorfes. 1889 gibt es in Oberfrohna 35 Handschuhfabriken und Großhandlungen, 6 Appreturen und 4 Färbereien. Die Einwoh-nerzahl steigt 1900 auf 3.876 Seelen.
Mit wachsendem Selbstbewusstsein macht sich das Dorf immer mehr unabhängig von der Obrigkeit in Limbach: 1827 wird die erste eigene Ortsschule eingeweiht, 1886 die neue Schule an der Hauptstraße. 1900 gibt es schon Post, Gaswerk und Apotheke, den eigenen Friedhof. 1893 ist die neue Kirche entstanden, die 1934 ihren heutigen Namen "Lutherkirche" erhält. Oberfrohna war 1890 aus Limbach "ausgepfarrt", eigene Kirchgemeinde geworden. 1891 werden in Oberfrohna 188 Kinder geboren, 1994 sind es in Limbach-Oberfrohna noch 111. Bis etwa 1910 erlebt die Handschuhindustrie ihre größte Blüte, dann wird ein Strukturwandel hin zur Kunstseidenverarbeitung vom Handschuh zur Damenunterwäsche erfolgreich gemeistert. Bis 1914 werden Pfarrhaus, Wasser-, Elektrizitätswerk und Postamt gebaut. Ein Schwimmbad an der Neuen Straße entsteht 1904, Bahnhof und Eisenbahnanschluss 1913.
Im ersten Weltkrieg sind in Oberfrohna 216 Gefallene zu beklagen. Die Zeit nach 1918 bringt Inflation und Hunger, Arbeitslosigkeit und Not, die 1933 mit 1.300 Erwerbslosen bei 6.500 Einwohnern gipfelt. Das Jahnhaus wird 1929 nach nur 10 Monaten Bauzeit einge-weiht. 1933 beginnt für die Oberfrohnaer über ein halbes Jahrhundert Diktatur, erst die des "Dritten Reiches" über 12 Jahre, dann die des real existierenden Sozialismus bis 1989. 1935 hat Oberfrohna 6.700 Einwohner und baut an der Hainstraße Sparkasse und Girobank. Einen vom Lehrer Kühnert gegründeten "Sparkassenverein" gab es bereits 1870. Das politische Milieu am Ort ist mehr durch bürgerlich-konservative Einflüsse ge-prägt als durch kommunistisch-revolutionäre wie im „roten Limbach“. Den Höhepunkt sei-ner Entwicklung hat Oberfrohna 1935 erreicht, als dem Ort der Status als Stadt verliehen wird. Die dafür notwendige Einwohnerzahl von über 10.000 war durch Eingemeindung des Nachbar-ortes Rußdorf 1935 zustande gekommen.
Der II. Weltkrieg bringt den Oberfrohnaern nach anfänglicher Siegeszuversicht Not, Hun-ger und Angst in den Bombennächten. An ein schreckliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit erinnert das Denkmal im Gemeindewald für den Polen Leon Tobola, der wegen „Rassenschande“ gehenkt wurde. Im Krieg sind 317 Oberfrohnaer gefallen, allein der Bombenangriff am 6.Februar 1945 fordert 14 Tote, 30 Häuser werden zerstört. Am 14. April wird die Stadt durch die US Army besetzt, am 13. Juni 1945 durch die Rote Armee. Damit beginnen bis 1990 die Jahre der roten Diktatur, legitimiert nicht durch freie Wahlen, sondern durch die Panzer der sowjetischen Besatzungsmacht.
Nach 1945 sind die Jahre des schweren Anfangs gekennzeichnet von Aufbau- und Überlebenswillen. Die in „Volkseigentum“ überführten, alten Firmen produzieren unter den Bedingungen des RGW für Inland und Ostexport und geben den Oberfrohnaern Lohn und Brot. Unter dem 1946 eingesetzten SED-Bürgermeister wird Oberfrohna 1950 von Limbach eingemeindet. Das war schon mehrfach versucht worden, aber immer an den Oberfrohnaern gescheitert. Seitdem sitzt die Obrigkeit wieder in Limbach. Der gemeinsame Ortsname ist „Limbach-Oberfrohna“, aber Faulheit und Denkschwäche spricht oder schreibt oft von den „Limbachern“, wenn die Einwohner der ganzen Stadt gemeint sind.
Die „Verwaltung des Mangels“ in der DDR bewirkt den Niedergang des Ortsteils Ober-frohna. Läden schließen, Gebäude verfallen, Menschen fliehen westwärts. Wenn Neu-baugebiete entstehen, dann in Limbach an der Straße der Genossenschaft, Am Hohen Hain oder Wasserturm. Für Oberfrohna reicht die „Baukapazität“ für den „Pappelhain“, aber nicht, um den Verfall aufzuhalten.
1990 kommt mit der deutschen Wiedervereinigung erneut Hoffnung auf. Vielleicht kann der verfallende Stadtteil wiederbelebt werden? Aber auch diesmal reicht es nicht für Oberfrohna. Böse Zungen haben behauptet, der „Aufschwung Ost“ finde im Westen statt. Ebenso könnte man meinen, die Entwicklung der Stadt Limbach-Oberfrohna finde in Limbach statt. Wohnungsbau auf der Süd-, Teichstraße oder Marktsteig, Geschäfthäuser an Jäger- und Weststraße oder dem Johannisplatz, die Innenstadtsanierung oder Vorhaben wie Sporthalle, „Spaßbad“ oder „Amerika-Zoo“ gibt es in Limbach, nichts Vergleichbares im Ortsteil Oberfrohna. 1996 wird mit dem Anschluss an die Kanalisation der Limbacher Zustand von 1927 erreicht. Wer einmal die Frohnbachstraße (Hauptstraße) entlang geht, wird traurig beim Anblick leerstehender Ruinen. Was ist geworden aus der ehemaligen Rosenapotheke, den Restaurants „Zur Post“ und „Rautenkranz“ oder gar den Weltfirmen Herrmann Dittrich oder Hermann Grobe AG? Jetzt müssen die Bürger froh sein, wenn sie ihren täglichen Bedarf an Lebensmitteln einkaufen können. Nur an Einkaufsmöglichkeiten für Möbel ist kein Mangel. Sinnigerweise befindet sich das „Limbacher Möbelhaus“ auf der Wolkenburger Straße in Oberfrohna.
Die Oberfrohnaer werden ihr über 100 Jahre altes Bemühen um Gleichberechtigung fort-setzen müssen, wenn Oberfrohna nicht zweitrangiger, verfallender Ortsteil bleiben will. Es ist unerheblich, ob in Limbach der Feudalherr oder die Politik-Lobby sitzt. Auch unter demokratischen Verhältnissen hat nur der eine Chance, der sich durchsetzt. Hoffen wir, dass sich die Bürger dieses Stadtteiles an ihre Geschichte erinnern und an die Tatsache, dass jeder nur das erreicht, was er selbst erkämpft. Allerdings müssten die Bewohner von Oberfrohna sich ihrem Ortsteil zugehörig und verantwortlich fühlen und wieder zu einer Gemeinschaft finden, wie sie in Bräunsdorf, Pleißa, Rußdorf u.a. noch vorhanden ist.

veröffentlicht am 08. Oktober 2015

 
 
Fabrikant Reichenbach

Hermann Reichenbach - Maschinenfabrikant
aufgeschrieben von dem Sohn Ernst Reichenbach, 28.04.1925
Material aus dem Sammlungsbestand des Esche-Museums


Ein großer Förderer unserer heimischen Handschuh- und Wirkindustrie war der Maschinenfabrikant Hermann Reichenbach, geb. am 07.04.1814, gest. 10.07.1881.
Als alter Strumpfwirkermeister und aus kleinsten Anfängen baute er um 1840 die Handkettenstühle. Viele von diesen Erzeugnissen wurden nach Apolda abgesetzt, wo Reichenbach eine gefeierte Person war bei der Ablieferung seiner Maschinen. Im Jahre 1854 wurde außer Kettenstühlen der Bau von Nähma¬schinen aufgenommen, und zwar die sogenannten, von Reichenbach konstruierten Kranznähmaschinen, Rändernähmaschinen sowie Flachkettelnähmaschinen. Diese Maschinen fanden hauptsächlich Verwendung für geschnittene Waren (Schlauchstrümpfe). Ihr Bau wurde in dem Schnabel Gottfried'schen Haus, Dorotheenstraße 34 ausgeführt. Im Jahre 1856 wurde die Fabrikation im eigenen neuerbauten Hausgrundstück weiter betrieben, zwischen dem damaligen Gemeindeweg (jetzt Frohnaer Straße) und der Gasse (heutige Helenenstraße) an einem dazwischen liegenden Feldweg (Wiesenweg 1785!) als erstes Hausgrundstück der heutigen Albertstraße Nr. 14. Hier wurde mit Hochdruck gearbeitet, so dass der Handschwungradbetrieb bald aufhörte und an dessen Stelle der Betrieb durch Dampfmaschinen erweitert wurde. Im Jahr 1860 baute Reichenbach eine Nähmaschine zum Zusammennähen von Handschuhen. Diese Maschine kostete 66 Thaler, und es wurden viele Tausende auch im Umkreis von Limbach verkauft. Auch übergab Reichenbach die Genehmigung für den Bau dieser Maschinen gegen eine geringe Patentsteuer den Maschinenbauern Oscar Rudolf und der Fam. Müller und Neu¬mann, beide Firmen in Limbach. Die Fabrikationsräume reichten nicht mehr aus, und so wurden drei Werkstätten errichtet, eine davon in der früheren Schule auf der Gasse (Helenenstraße 44) und die andere beim Maurer Kühnen, heutige Albertstraße Nr. 18. Im Jahre 1868 wurde der Fabrikbau erweitert, die erwähnten beiden Werkstätten eingezogen und die Fabrikation durch eine größere Dampfanlage mit Dampfschornstein ergänzt, so dass nunmehr pro Woche 35 bis 40 Maschinen die Fabrik verließen. Außer vielen Patenturkunden erhielt Reichenbach ein weiteres Patent über eigens konstruierte Rundkettelmaschine und zwar mit vertikal stehenden Aufstoßnadeln. Die dazu gehörige Kettelnähnadel hatte Reichenbach damals schon mit der Ausfräsung über dem Öhr, wie dieselbe heute für die Schnellnähmaschinen Verwendung findet, ausgerüstet. Dies war gleichfalls Reichenbachs Erfindung. Diese Maschine wurde für die feinsten und stärksten Waren geliefert.
Zu Beginn der 70er Jahre erhielt Reichenbach ein Patent über Dampfhähne mit Schraubenventil, welche das Tropfen der Kegelhähne beseitigten. Weitere Patente waren die Zylinderschlauch-Nähmaschine, sogenannte Rechtsnaht für starke Tuchhandschuhe und eine Zylindernähmaschine mit meliertem Stich.
Weit über Deutschlands Grenzen hinaus wurden die Erzeugnisse der Fa. Hermann Reichenbach verbreitet und waren die Absatzgebiete auch im Ausland Italien, Russland, Amerika, Frankreich, Schweden und Norwegen.
Kurz vor seinem Tod hatte Reichenbach auch den Bau von mechanischen Kettenstühlen mit aufgenommen, wovon mehrere dieser Stühle in Betrieb kamen. Nach dem Ableben übernahmen die beiden Söhne Ernst und Victor den Betrieb und erweiterten denselben noch durch den Bau von Cops-Spulmaschinen von 4 bis 60 Spindeln bis zum Jahr 1887, wo 40 bis 50 Arbeiter ihre Beschäftigung fanden. Von da ab war der Teilhaber Victor Reichenbach al-leiniger Inhaber.

veröffentlicht am 24. September 2015 im Stadtspiegel

 
 

Wie alt ist Limbach-Oberfrohna?
Aus Dr. H. Schnurrbusch: Daten aus der Limbacher Geschichte bis 1945,
Limbach-Oberfrohna 2003.
Seine Hefte zur Heimatgeschichte vertreibt die Buchhandlung am Johannisplatz 3
.


Die Stadt mit dem Doppelnamen gibt es seit 1950, damals wurden die Städte Oberfrohna und Limbach zusammengelegt. Oberfrohna war 1935 durch Eingemeindung von Rußdorf zur Stadt geworden. Bevor Limbach 1883 zur Stadt wurde, gab es unabhängig voneinander die Dörfer Rußdorf, Oberfrohna und Limbach, Pleißa, Kändler, Bräunsdorf. Wie alt sind nun aber diese? Erstmals erwähnt sind Bräunsdorf 1346, Kändler 1375, Kaufungen 1226, Pleißa 1375, Rußdorf 1335.
Viele Orte leiten ihr Alter aus der Ersterwähnung ab. Die erste urkundliche Nennung eines Ortes hat aber mit dem tatsächlichen Alter nicht viel zu tun, es sei denn, es handelte sich um Gründungsurkunden, wie es bei Bergbaustädten oft der Fall ist, z.B. Freiberg 1180 oder Annaberg 1496. Meist werden in den Urkunden Orte genannt, die schon lange bestanden haben, mitunter sogar auf ältere slawische Siedlungen zurückgehen. Will man sich aber auf historisch bewiesene Zeitpunkte verlassen, ist die Ersterwähnung des Ortes das einzig korrekte Kriterium, wenn auch Erwähnung und Gründung nicht übereinstimmen. Die ältesten Urkunden von Orten in unserer Gegend stammen aus dem 13. Jahrhundert und betreffen zum Beispiel Adorf und Klaffenbach 1200, Kaufungen 1226, Auerswalde 1248, Grüna 1263, Claußnitz 1277, Taura 1280 und 1299 Einsiedel.
Vor der Ersterwähnung von Orten finden sich mitunter in den Urkunden namensgleiche Personen. Ein Ritter Albert von Kallenberg taucht 1244 auf, Heinrich von Glauchau 1240. Der Bau des Waldenburger Schlosses 1165 wird von den Herren Brand und Wartha geleitet. Als Zeuge wird ein Ritter "von Limpach" 1248 und einer "von Frone" 1236 in Urkunden erwähnt. Mitunter wird der Nachweis solcher Personen mit der Ersterwähnung von Orten gleich gesetzt, das ist aber ein zumindest zweifelhaftes Verfahren. Seydel schließt aus der Erwäh-nung der Herren Brand und Wartha, dass gleichnamige Orte um diese Zeit vorhanden gewesen sein müssten, nach denen sich die Adligen benannten. Einen Beweis dafür gibt es nicht, ebenso wenig wie für die Annahme, die beiden hohen Beamten - Landrichter und Marschall - seien samt Namen zuerst in den Osten gekommen und hätten den erst später entstandenen Siedlungen ihre Benennung eingepflanzt. Der Name kann älter als die hiesige Siedlung sein. Bei Adligen sind Benennungen nach dem Familiensitz schon im 11. Jahrhundert nachweisbar. Die urkundliche Erwähnung des Namens Drachenfels 1137 im Rheinland beweist nicht die Ersterwähnung der Burg Drachenfels bei Penig, die Erwähnung des Ritters "de frone" nicht die Ersterwähnung von Niederfrohna, die des Johannes de Limpach 1248 erbringt nicht den Nachweis dieses Ortes. Solche Namen sind wertvolle Hinweise, wenn sie kritisch im gesamten historischen Kontext gesehen werden, die Ersterwähnung eines Ortes ist ein Personenname nicht. Eine alte Urkunde erwähnt „Vrono et Lympach“ 1366 (HStA 10004 Kopiale, Nr. 27, Bl. 73b). „Twerchfrone“ wird 1412 genannt (HStA, 10004 Kopiale, Nr. 1303, Bl. 90a) , die „vrone“ (der Bach) schon 1285.
Schwierig ist es auch, aus den Ortsnamen, Dorf- und Flurformen Rückschlüsse auf das Alter zu ziehen. Namen sind manchmal mit den Siedlern gewandert, auch alte slawische Orts-, Flur- oder Gewässer-bezeichnungen einfach von deutscher Zunge übernommen worden (Chemnitz, Glauchau). Es gab möglicher-weise in den Anfängen der Besiedlung lockere Anhäufungen von Häusern, die keinen Namen hatten oder mehrere Siedlungen in einem Tal mit einem Sammelnamen, wie vielleicht das "Frohne", aus dem die späteren Namen Ober-, Mittel- und Nieder-Frohnen entstanden sein könnten.
Der Versuch, die Gründungszeit unserer Heimatdörfer zu bestimmen, ist so auf Vermutungen angewiesen. Vor 1100 fehlen aus unserer Gegend urkundliche Nachrichten und Belege fast völlig. Nach 1100 wird die Quellenlage ergiebiger. Urkunden bestätigen 1143 die Begabung des 1136 von Pegau aus gegründeten Benediktinerklosters Chemnitz, 1143 die Grenzfestlegung des Nonnenklosters Remse, 1166 den Tausch des Remser Stiftsgutes Weidensdorf, 1165 bis 1172 den Bau des Schlosses Waldenburg, 1168 (?) die Gründung des Klosters Zschillen, heute Wechselburg. Daraus ergibt sich nun die Annahme der Gründungszeit unserer Dörfer. Es ist wohl vertretbar, das Entstehen von Frohne, Limbach, Rußdorf und anderer Nachbardörfer in der Zeit von etwa 1150 bis 1175 zu vermuten, nunmehr also vor etwa 850 Jahren. Präzise beantworten lässt sich die eingangs gestellte Frage nach dem genauen Alter der einzelnen Teile der heutigen Stadt Limbach-Oberfrohna nach der heute bekannten Quellenlage aber nicht.

veröffentlicht am 24. August 2015 im Stadtspiegel

 
 

Bräunsdorf: Das Museumsdorf und die Gestaltungssatzung
Hartmut Reinsberg
Ortsvorsteher von Bräunsdorf


Ja, so nannten Anfang der 1990er Jahre einige Mitbürger unseren Ort, welcher sich bemühte in das sächsische Dorfentwicklungsprogramm aufgenommen zu werden. Wie in so vielen Orten, dachte sich so mancher Landbesitzer, nun nach dem die Wende überstanden war und man plötzlich wieder über seine eigene Scholle bestimmen konnte, kann man darüber verfügen wie man so will. Und viele dachten da halt sehr praktisch und wollten die eine oder andere Fläche zu einem guten Preis als Bauland verkaufen. Da es mit der Wende auch eine neue Gesetzeslage gab und die Gemeinde über die Planungshoheit verfügte und mit einem Flächennutzungsplan festlegen konnte, wo sich der Innenbereich des Ortes befindet und wo eine Baulücke ist, damit konnte sich so mancher Neubürger der Bundesrepublik nicht gerade anfreunden. Man hatte gerade sein Eigentum wieder in Besitz genommen und dachte, nun kann man loslegen. Dass Eigentum verpflichtet und im neuen System mittels Gesetzeskraft auch neue Spielregeln bestanden, dass wollte so mancher nicht so recht verstehen.
Man konnte gar nicht so schnell zuschauen, wie plötzlich eine Menge Interessenten aufkreuzten, welche in dem landschaftlich reizvollen Außenbereichsflächen ihre Traumranch errichten wollten. Aber auch phantastische Eigenheimsiedlungen auf bestem Ackerland am Waldrand in ruhiger Lage waren gefragt. Dabei muss man einmal bedenken, dass Generationen von Bauern ihre schönen Gehöfte entlang des Dorfbaches und der Straße mit geräumigen Freiflächen errichteten auf denen sich alte Streuobstwiesen, Gartenflächen für Kräuter und Gemüse, Weiden fürs Groß- und Kleinvieh und natürlich auch Teichanlagen für die eigene Fischversorgung befanden.
Diese Siedlungsstruktur war insbesondere im Niederdorf seit dem mühevollen Wiederaufbau nach dem vernichtenden 30-jährigen Krieg entstanden. Erst die mahnende Hinweise der Denkmalbehörden und die Unterschutzstellung von über 50 historischen Gebäuden in den historischen Ortsteilen und die dann folgende Festlegung eines sächsischen Flächendenkmals in eben diesen Ortsbereichen brachte eine gewisse Ernüchterung. Für so manchen Mitbürger war dies eine kalte Dusche, der Traum vom Verkauf von Bauland war ausgeträumt. Sicher war dabei nicht nur das rasche Geldverdienen im Vordergrund, denn so mancher Besitzer von ehrwürdigen Gehöften und Häusern hätte den Verkaufserlös auch für eine anstehende dringende Sanierung seiner Gebäude eingesetzt.
In dieser Zeit wurde mir nahe gelegt, am Eingang des Flächendenkmalbereichs einen Schlagbaum anzubringen und ein Denkmalsdorf zu betreiben, denn zu was Anderen tauge ja der Rest des Ortes nicht. Heiße Debatten im Gemeinderat und auf Einwohnerversammlungen folgten, wo einige Bürger wutentbrannt vorzeitig den Raum verließen und beim Türenknallen der Putz von der Wand rieselte. Als der Gemeinderat begann, für den historischen Ortsteil eine Gestaltungssatzung zu erstellen, um damit dieses Gebiet durch ein örtliches Baurecht zu erhalten, errötete so mancher Kopf.
Heute nachdem es uns mit unserer Gestaltungssatzung gelungen ist, die einmalige Dorflandschaft zu erhalten, sagt so mancher Widersacher aus der Nachwendezeit: „Ein Glück, dass wir unseren Ort so in seiner Ursprünglichkeit erhalten haben.“ Wer zu uns kommt, erlebt noch ein schönes sächsisches Dorf im sächsischen Burgenland im Nebental der Zwickauer Mulde im reizvollen Mittleren Muldental zwischen Waldenburg und Wechselburg.
In der Zwischenzeit haben wir mit der typisch ländlichen Prägung eines Reihendorfes, entlang des Dorfbaches in einem idyllischen Tal, neben den drei Pensionen in früheren Wassermühlen, einiges für den sanften Landtourismus getan.
Natürlich kommen die Besucher nicht in Scharen, aber es kommen Leute, welche den ländlichen Raum mit seinen unverfälschten Reizen suchen. Dort wo es noch Hühner auf den Hof gibt, wo Kühe, Schafe und Ziegen auf der Weide zu beschauen sind und der dörfliche Tagesablauf durch das bäuerliche Leben geprägt ist. Es herrscht da nicht immer die gewünschte Ruhe, denn die Tiere auf der Weide kann man hören und die Landtechnik bei der Feldbestellung und Ernte ist zu Spitzenzeiten auch rund um die Uhr zu hören. Aber dazwischen gibt es noch die sprichwörtliche Gelassenheit und Stille.
In Bräunsdorf, welches ab 1994 in das sächsische Dorfentwicklungsprogramm aufgenommen wurde, konnten insgesamt über 150 Maßnahmen, davon über 130 im privaten und ca. 20 im kommunalen Bereich realisiert werden. Wer sich im Ort umschaut kann die zahlreichen sanierten Häuser und Gehöfte mit neu gestalteten Fassaden, frisch gedeckten Dächern und schönen Vorgärten bewundern. Im kommunalen Bereich konnten wir das Ortsstraßennetz und die Ortsverbindungsstraßen grundhaft ausbauen bzw. mit Tragschichten versehen, wobei die Fußwege, Straßenbeleuchtungen, Stützmauern und Brücken mit entstanden.
1998 haben wir uns nach einigem Hin und Her für die freiwillige Eingemeindung in unsere Nachbarstadt Limbach-Oberfrohna entschieden. Dabei konnten wir eben auch freiwillig mit der Stadt einen tragfähigen Eingemeindungsvertrag aushandeln, in dem natürlich auch die finanzielle Absicherung der Maßnahmen aus dem Dorfentwicklungsplan enthalten war.
So wurden ebenfalls die Gestaltungssatzung und die Satzung über die Festsetzung von geschützten Landschaftsbestandteilen für unser Dorf übernommen. Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass der Arbeitskreis für Dorferneuerung, welcher mit der Aufnahme des Ortes in das sächsische Dorfentwicklungsprogramm entstand nach der freiwilligen Eingemeindung weiter als „Verein für Dorferneuerung und Heimatpflege“ bestehen blieb, welcher sich jetzt weiter für die Erhaltung des ländlichen Raumes in unseren Ort einsetzt.

 
 
© Stadt Limbach-Oberfrohna 2018 | Impressum | Datenschutzerklärung | Kontakt